Wie automatisiert auf der Bühne

Ich stehe auf der Bühne, das Publikum schaut mich gespannt an und ich beginne mit einem Song. Noch während ich überlege, wie doch gleich der Text ging, singe ich bereits wie automatisiert die richtigen Zeilen. Der Text hat sich irgendwo in den Untiefen meines Denkapparats eingebrannt. Oft genug habe ich die Stücke gesungen, die ich gerade vortragen will. Doch manchmal passiert es, wenn ich zu lange über ein einzelnes Wort beim Singen nachdenke. Plötzlich ist es weg und aus meinem Mund kommt nur noch ein ähnlich klingendes Wort, was aber nicht unbedingt Sinn ergibt. Ebenso automatisiert sind Bewegungsabläufe bei Musikern wie zum Beispiel beim Schlagzeugspielen. Auch die Stimme kann sich auf eine bestimmte Art an Songs gewöhnt haben. Und diese „Automationen“ möchte ich doch einmal genauer analysieren.

Automatisiert aif der Bühne

Die Macht der Gewohnheit

Jeder kennt es aus dem Alltag: Dinge, die man oft tut, laufen routinemäßig ab. Man denkt nicht mehr groß darüber nach. Ich selbst bin zwar kein Autofahrer, aber mit dem Autofahren als Beispiel versteht sicher jeder, was ich meine. Es gibt Gewohnheiten, die jeder auf seine Art ausführt. Und ebenso ist es auch ganz oft beim Musik machen. Anfangs ist ein Song noch ganz frisch, man tastet sich so langsam heran und wächst dann Stück für Stück mit ihm zusammen, um so öfter man ihn spielt oder singt. Deshalb übt man ja auch. Die Wiederholung bringt die Sicherheit. Doch kann diese Routine nicht auch störend sein?

Wenn Worte ihren Sinn verlieren.

Komisch wird es erst, wenn man zum Beispiel über einzelne Worte nachdenkt. Zumindest aus meinen persönlichen Erfahrungen kann ich sagen, dass ich, wenn ich zum Spaß bestimmte Worte zu oft hintereinander sage und die Betonung variiere, dass sie sich dann eigenartig fremd anfühlen. Es ist fast so, als verstehe man die Bedeutung nicht mehr, also den Sinn. Weißt du, was ich meine? Seife, Seife, Seife, Seife, Seife, Seife, Seife, Seife, Seife, Seife, Seife, Seife, Seife, Seife, Seife…

Ungünstiger Zeitpunkt

Ein denkwürdig ungünstiger Zeitpunkt, sich um solche Dinge Gedanken zu machen, ist während des Auftritts. Vielleicht geht es ja auch nur mir so, aber manchmal ertappe ich mich tatsächlich bei belanglosen Gedanken, während ich ein Lied vorspiele. Dann frage ich mich, nicht nur „Mit welchem Wort beginnt gleich noch mal die nächste Strophe?“, sondern auch „Hm…Wieso habe ich dieses Wort gewählt?…Was, wenn die Zuhörer gar nicht verstehen, was ich damit meine?“ – Sämtlicher Unsinn rattert im Bruchteil von Sekunden durch den Kopf. Manchmal beschäftigt mich einfach auch etwas, von dem ich nicht loslassen kann.

Plötzlich steht jemand aus dem Publikum auf und bahnt sich den Weg zu den örtlichen Gegebenheiten. „Ob ihm die Musik nicht gefällt?“… wieder ein Gedanke. Der Song läuft unterdessen wie auf Automatik weiter. Ich schließe für einige Sekunden die Augen, um mich wieder mit dem Song zu verbinden. Ich fühle mich wieder hinein, in das Gefühl, in den Moment des Schreibens, als er entstanden ist. Der Text ist da, alles läuft nach Plan. Gut!

Der Song sitzt im Hals.

Eine andere Beobachtung zum Thema Automation beim Singen auf der Bühne möchte ich auch noch beschreiben. Als ich damals anfing Songs zu schreiben, hatte ich noch keine gesangliche Ausbildung. Damals sang ich einfach, wie ich dachte, ohne Gedanken an Atmung, Stimmsitz etc. Dadurch, dass ich diese alten Songs auf eine ganz andere Art eingesungen habe und mich an dieses Gefühl in der Stimme und an den Klang gewöhnte, haben sich auch diese Songs irgendwie so gefestigt. Ich habe sie wie in eine Form gegossen und „in den Hals gesungen“. Und ich singe sie nach wie vor wie gewohnt. Eben, weil sie sich vom Gefühl her so „eingebrannt“ haben.

Würde ich plötzlich ausschließlich stur das anwenden, was ich in meinen Gesangsstunden gelernt habe, würden diese Songs für mich ungewohnt, fremd und anders klingen. Ich unterstütze meinen Gesang zwar nun mit kleinen Tricks, aber ich merke, dass sie eben jetzt immer noch lieber so sind, wie ich sie mir früher angewöhnt habe. Es ist wahnsinnig schwer, sich nach so vielen Jahren bewusst umzustellen, wenn alles bereits so automatisiert abläuft. Bei neueren Songs achte ich allerdings schon sehr darauf, dass ich sie „stimmgerecht“ einstudiere und mir somit auch eine gesunde Gesangstechnik angewöhne. Hast du vielleicht Ähnliches bei dir beobachtet?

Bewegungsabläufe beim Spielen

Auch Instrumentalmusikern scheint es so zu ergehen, dass sie sich während eines Auftritts selbst ertappen, wie bestimmte Abläufe automatisch stattfinden. Ein Schlagzeuger denkt wohl nicht mehr über jeden Wechselschlag nach und zählt auch nicht mehr jeden Takt mit, wenn der Song so oft gespielt wurde. Und auch beim Gitarrespielen denke ich kaum darüber nach, was ich da tue, es passiert einfach und ich kann mir um andere Dinge (siehe oben) Gedanken machen. Ja klar, wer mit Herzblut dabei ist, der ist in seiner Welt und macht sein Ding auf der Bühne und genießt den Augenblick und die Musik.

Doch was, wenn die Routine zugeschlagen hat und man einen Song selbst nicht mehr als „frisch“ und neu und spannend empfindet, weil er eben schon tausend Mal gespielt wurde? – Vermutlich teilt diese Frage die Musiker in verschiedene Gruppen. Einmal die Hobbymusiker, die nicht davon leben müssen und wirklich noch mit Leidenschaft und Genuss ihre frischen Ideen präsentieren. Und auf der anderen Seite die Berufsmusiker, die eher als „Dienstleister“ unterwegs sind. Was meinst du dazu? Vielleicht gibt es auch etwas dazwischen.

Fazit:

Ein richtiges Fazit habe ich heute leider nicht. Es ist mehr eine Beobachtung und ein Gedanke, den ich mit diesem Beitrag auf den Weg geben möchte. Beobachte mal, wie du neue Songs spielst im Gegensatz zu alten Songs, die du schon hundert Male gespielt oder gesungen hast. Kannst du einen Unterschied feststellen? Was macht die Gewohnheit und Routine damit? Findest du einen neuen Song nicht auch manchmal reizvoller, weil noch nicht so viel „Sicherheit“ und Gewohnheit drinsteckt? Oder bringt Routine Langeweile mit sich? Schreib gern deine Meinung dazu als Kommentar. Ich freue mich, dass du auf musifiziert.de vorbei geschaut hast. Bis bald.

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