Das Märchen von der großen Chance als Support-Act

Es war einmal eine junge Musikerin, zumindest optisch jung geblieben, die schrieb ihre Songs selbst und erfreute die Menschen mit liebreizendem Gesang. Sie hatte einen Mann, der ebenfalls musikalisch war und der seinen eigenen Weg in der Welt der Töne und Klänge suchte. Beide hatten sich unabhängig voneinander bereits durch Fleiß und Ausdauer ein kleines Imperium aufgebaut und waren sehr glücklich damit. Doch eines Tages wurde ihre kleine Welt wieder einmal erschüttert.

Das Support-Act Märchen

Es begann damit, dass ihr Mann gefragt wurde, ob die Musikerin, nicht an einer Veranstaltung teilnehmen würde. (Nein, er war nicht ihr Manager und sie wohnte auch nicht in einem Turm ohne Internet- und Telefonzugang! Sie teilten sich sogar ein Arbeitszimmer, denn sie liebten es, sich zur selben Zeit im gleichen Zimmer aufzuhalten.) Die Musikerin machte nun große Augen, als er die Anfrage erhielt und ihr daraufhin übermittelte. Sie freute sich sehr und rief den Veranstalter gleich zurück. Ein paar Weihnachtslieder unterm Baum wären nicht schlecht und auch ein Lied von der Band, die im Hauptprogramm spielen würde, wünschte man sich von ihr. Sie sollte im Vorprogramm auftreten, akustisch mit der Gitarre. Viel bezahlen könne man nicht, aber immerhin würde sie in einem großen festlichen Saal vor mehreren Hundert Seelen spielen. Sie freute sich riesig, sagte zu und fing sofort mit ihren Vorbereitungen und Proben an, denn es war nicht mehr viel Zeit.

Das könnte die Chance sein, neue Fans zu gewinnen.

Der Tag des Auftritts nahte. Sie war gut vorbereitet, konnte die Texte, fühlte sich sicher und hatte auch das übliche Problem mit dem Outfit gelöst. Zum Soundcheck traf sie rechtzeitig, zusammen mit ihrem Mann, ein. Es schien alles gut vorbereitet zu sein. Sie packte ihre Gitarre aus und stapfte selbstsicher die Stufen zur Bühne hinauf. Zusammen mit dem Techniker machte sie sofort den Soundcheck und fühlte sich sichtlich wohl. Sie hatte bereits schlimme Erfahrungen auf Bühnen gesammelt, auf denen sie sich selbst kaum hören konnte. Als Musiker muss man ein gutes Monitoring haben, denn man muss ja hören, was man spielt und singt. Bei diesem Soundcheck war es nahezu perfekt. Doch bis zum Auftritt sollten noch einige Stunden vergehen.

Zu früh gefreut?

Dann wurde es Abend und der Saal füllte sich langsam. Es gab Verzögerungen beim Beginn der Veranstaltung, da die Sicherheitsleute die Besucher am Einlass genau kontrollieren mussten. Damit hatte wohl niemand gerechnet? Die Musikerin und ihr Mann hielten sich unterdessen hinter der Bühne in einem Raum auf. Es gab sogar etwas zu trinken. Essen sollte es später im Backstage-Bereich der Hauptband auch noch geben. Es hieß also warten. Da kam auch schon einer der Verantwortlichen und fragte, ob die Musikerin nicht ein paar Songs weglassen könne. Ihr Auftritt sollte ursprünglich eine halbe Stunde betragen. Nun wurde gekürzt, damit man den Konzertbeginn der Hauptband einhalten könne. Das war jedoch kein Problem für sie. Sie nahm ihre Liste und strich ein paar Lieder weg. Alles war relativ entspannt.

Bestens vorbereitet war sie ja.

Die letzten Minuten vor dem Auftritt schienen endlos. Plötzlich stellte sich bei der Musikerin wieder das bekannte Gefühl ein, man müsse sich unverzüglich ins Bett begeben und die Decke über den Kopf ziehen. Wahrscheinlich Lampenfieber! Doch das kannte sie ja schon, ignorierte es und machte sich auf den Weg. Neben der Bühne stimmte sie ein letztes Mal ihre Gitarre. Der Saal war voller Menschen, die dicht gedrängt, meist mit einem Getränk in der Hand, vor der Bühne standen und sich lauthals unterhielten. „Ob die überhaupt zuhören?“, fragte sich die Musikerin zweifelnd. Die Leute waren bestimmt nur wegen der Hauptband gekommen, denn die Musikerin hatte man bei den Werbemaßnahmen ja auch gar nicht erwähnt. Die Anfrage kam dafür zu kurzfristig. Sie grübelte. Ihr Mann stand mit ihr neben der Bühne und wünschte ihr sogleich viel Spaß.

„Toi, Toi, Toi!“

Dann war der Moment da. Die Musikerin wurde angekündigt. Mit großen Schritten betrat sie mit ihrer Gitarre vor dem Bauch die Bühne. Die Aufregung war groß. Sie legte ihre Titelliste auf den Boden neben den Mikrofonständer, griff nach dem Klinkekabel, was bereits an dem Ständer hing. Es fiel herunter. Oh je! Sie spürte die Hitze bis in die Ohren steigen. Sie bückte sich und verschwand für ein paar Sekunden für die hinteren Reihen. Erneut griff sie das Kabel und steckte es in die Buchse ihrer Gitarre. Da war sie wieder. Puh! Sie begrüßte die Leute, die immer noch laut erzählten und sich kaum stören ließen. Sie hatte das Gefühl, das Publikum wär lauter, als sie selbst mit Mikrofon, trotzdem begann sie mit dem ersten Song. Das Hörgefühl würde sich sicher gleich zum Besseren ändern.

Eine unerwartete Ablenkung!

Vor ihr auf dem Boden war ein riesiger Bildschirm, so groß wie der Flachbildfernseher, den sie zu Hause im Wohnzimmer stehen hatten. Darauf waren plötzlich riesig groß die ersten Zeilen eines Songs der Hauptband zu sehen. „Um Gottes Willen, bloß nicht lesen…“, dachte sie noch, doch es war zu spät. Ihr Unterbewusstsein hatte sich mit dem Text vor ihr verbunden und blendete den Text, den sie eigentlich singen wollte, einfach aus. Ihr fiel die erste Strophe ihres Liedes auf die Schnelle einfach nicht mehr ein und so begann sie gekonnt mit der Zweiten. „Wie gut, dass ich gerade nicht zu einem Backing Track singe.“ dachte sie. „Und gut, dass hier wohl niemand meine eigenen Songs kennt.“ Das Publikum bekam von diesem Text-Blackout nichts mit.

Was war aber mit dem Monitoring?

Sie musste sich sehr anstrengen, um laut zu sein und kräftig in die Saiten hauen, damit sie sich selbst überhaupt ein wenig hören konnte. Das Publikum war nicht so aufmerksam, wie man das von Theaterbesuchern kennt. Im Gegenteil. Die Leute hatten anscheinend alle etwas zu erzählen. Das war doch ein Konzert, oder etwa nicht? Die Musikerin war sich nicht mehr sicher. Sie spielte ihren ersten Song bis zum Ende und bedankte sich, als erster Applaus ertönte. Höflich bat sie den Techniker, ihr Monitoring einzuschalten, da sie sich nicht hören konnte und davon ausging, dass er es vielleicht vergessen hatte. Sie begann zuversichtlich mit dem zweiten Song. Den Text wusste sie dieses Mal und ignorierte die überdimensionalen Buchstaben auf dem Boden vor sich. Das Licht blendete unheimlich und sie konnte gerade so in den ersten Reihen die Menschen erkennen.

War das fremde Publikum zu knacken?

Es war wie so oft, sie konnte in den Gesichtern keine Regung beobachten. Manchmal wunderte sie sich bei ihren Auftritten. Die Menschen kamen hinterher oft zu ihr und bedankten sich für die berührende Musik, während die Mienen noch beim Auftritt wie versteinert waren. Dies war ihr ein Rätsel, auch an diesem Tag. Hier war es vermutlich ähnlich. Das wusste sie nicht. Vielleicht war es auch Desinteresse, denn die Leute waren ja wegen ihrer Lieblingsband hier. Die Musikerin gab sich alle Mühe, mit ihrem Charme und ihrer Musik, die Menschen zu erreichen. Doch sie konnte sich selber, auch am Ende des nächsten Liedes, immer noch nicht gut hören. Ein wenig Hall von der Raumbeschallung kam noch bei ihr an, aber nur, wenn sie beinah schrie und ihre Gitarre drangsalierte. Das klang vermutlich alles andere als gefühlvoll.

Wie sollte es weitergehen?

Eine kurze erneute Bitte an den Techniker folgte. Es gab aber keine Reaktion dazu. Manche Sängerinnen hätten schon längst den Auftritt abgebrochen und den Techniker feuern lassen. Es ging ja immerhin um das Gelingen des Auftritts, was so kaum möglich war. Nun hatte sie ihre Hoffnung, doch noch ein Monitoring zu bekommen, auch fast aufgegeben, versuchte es sich jedoch nicht anmerken zu lassen und wie ein Profi weiterzumachen. Entweder machte der Techniker gerade Pause, hatte einfach keine Ahnung oder hat die Technik für diese Raumgröße falsch eingeplant. Sie wusste es nicht, aber es war auch nicht ihre Aufgabe, sich um die Technik zu kümmern.

Oder wollte jemand den Auftritt sabotieren?

Die Musikerin hatte ja schon oft Schauergeschichten über Support-Acts gehört. Demnach sollten Musiker im Vorprogramm absichtlich schlechter klingen, als der Haupt-Act. Da half man auch gern nach. War es hier auch so? Die Monitorboxen vor ihr gaben zumindest keinen hörbaren Mucks von sich. Das war ihr bei einem anderen Auftritt schon einmal passiert, jedoch mit einem anderen Techniker und damals war das Publikum auch sehr aufmerksam und ruhig. Da konnte man was retten. Hier war das nicht der Fall. Hatte man sie für die falsche Veranstaltung engagiert? Sie hatte feuchte Hände und fühlte sich absolut nicht mehr wohl in ihrer Haut. Das Gefühl, fehl am Platz zu sein, machte sich in ihr breit.

Ein Plan musste her.

Ohne zu zögern, änderte sie im Kopf die Reihenfolge der Songs, die auf ihrer Titelliste geblieben waren. Die ruhigen Titel, bei denen sie ihre Gitarre zupfen wollte, konnte sie hier unmöglich spielen. Sie würde es nicht hören können. Die Stimmung durfte außerdem nicht zu ruhig werden. Doch sie konnte aus ihrer Akustikgitarre auch keine Rockband zaubern. Also spielte sie die beliebtesten und energischsten Songs der Liste. Bei zwei Weihnachtsliedern brachte sie das Publikum sogar etwas dazu, mitzusingen. Und bei dem Song, den sie von der Hauptband spielte, sang das Publikum sogar laut mit. Ein kleiner Erfolg? Dennoch hatte sie sich mehr erhofft.

Wie spät ist es?

Durch die spontane Anpassung der Titelliste, fehlte ihr auf der Bühne allmählich das Zeitgefühl. Wie lange stand sie nun schon da oben? Sie durfte ja auch nicht zu lange spielen. Als alle restlichen geeigneten Songs aufgeführt waren, verabschiedete und bedankte sie sich beim Publikum und verließ ein wenig erleichtert die Bühne.

Wie kam es bei den Leuten an?

Ihr Mann wartete neben der Bühne auf sie und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Der Sound war fürchterlich!“, sagte er, nicht gerade freudestrahlend. Er wäre selbst zum Techniker gegangen und hätte versucht, den Auftritt zu retten, weil der Techniker kapituliert hatte. Doch das wollte sie nun nicht hören. Sie wollte am Liebsten in ein dunkles Loch fallen und den Erdboden über sich verschließen. Sie verschwanden hinter der Bühne, wo es ruhiger war. Zeit zum Runterkommen und Reflektieren? Doch was hätte sie besser machen sollen? Alles in ihrer Macht stehende hatte sie versucht. Also lieber den Auftritt abhaken.

Respekt oder Mitleid?

Es waren auch noch andere Künstler dort hinter der Bühne, die ihren Auftritt bereits hinter sich oder erst vor sich hatten. Man gratulierte ihr zu einem gelungenen Auftritt. Es wär richtig gut gewesen. Nun war es Zeit, die Zweifel in einem Glas Sekt zu ertränken. Gesagt, getan. Immer öfter kamen Leute zu ihr und lobten ihren Auftritt. Sie hatte gelernt, das Lob einfach anzunehmen, obwohl sie selbst nicht von dieser Darbietung überzeugt war. Sie war gänzlich unsicher, was da überhaupt passiert war und ob sie die Töne überhaupt getroffen hatte, nachdem sie halb ins Blaue gesungen hatte. Nun hatte sie Hunger und suchte gemeinsam mit ihrem Mann in den Räumen der Hauptband nach dem versprochenen Essen – vergeblich. Sie trafen einen anderen Solisten, der bereits gesungen hatte. Auch er hatte das Gefühl, dass er kein Monitoring gehabt hatte. – Erleichterung! Sie war also nicht verrückt!

Wer hatte diesen Auftritt überhaupt mitbekommen?

Nach zwei weiteren Gläsern Sekt war der Mut dann da und die Musikerin und ihr Mann mischten sich unter das Publikum. Dort trafen sie nur wenig bekannte Gesichter. „Na, das ist eben doch kein Wohnzimmerkonzert.“, wurde sie daraufhin von einer Sängerin aus dem Publikum angesprochen, die die Musikerin bereits von einem gemeinsamen Auftritt kannte. Wie sie das wohl gemeint hatte? Bestimmt hatte man die Verzweiflung auch ganz aus der Ferne sehen können. Doch jetzt war es nicht mehr zu ändern. Dankbar sein, war die Devise. Also gute Miene machen! Sie nickte freundlich.

Was war dran an der Sabotagevermutung?

Dann spielte auch die Hauptband. Die waren richtig laut und hatten In-Ear-Monitoring. Im Nachhinein betrachtet wär das auch für die Musikerin besser gewesen. Die Band hatte ein bombastisches Halbplayback und der Sänger schien teilweise nur die Lippen zum Song zu bewegen. „Unfair!“, dachte die Musikerin noch. Doch nachdem der Sound sich auch hier als unterirdisch erwies und der Songtext absolut nicht zu verstehen war, war sie etwas beruhigt, auch wenn es etwas Schade für das Publikum war. Der Bass dröhnte und es war mega laut, doch der Mix im Raum deutete nun eindeutig auf Inkompetenz des Technikers hin. Zum Ende des zweistündigen Konzerts wurde der Sound langsam besser. Aber das schien an dem Abend nicht Priorität zu sein.

Welche unmittelbaren Auswirkungen hatte der Auftritt?

Die Musikerin und ihr Mann gingen in den Vorraum zum Verkaufsstand, wo die Band durch Helfer ihre Artikel verkaufen ließ. Auch die Musikerin hatte viele ihrer CDs dort gelassen, in der Hoffnung, dass durch ihren Auftritt, auch ein paar von den vielen Hundert Menschen einige Exemplare kaufen würden. Jedoch hatte nur eine Person eine CD gekauft, vermutlich aus Mitleid. Aber das wunderte sie nicht. Denn der Auftritt war ja auch nicht so optimal, wie vorbereitet. Wenn ein Auftritt nicht überzeugt, dann kann man auch keine CDs verkaufen. So ist das eben. Aber das wusste sie.

Ein Licht ging auf…

Da erkannte sie wieder die Bedeutung ihrer kleinen „Wohnzimmerkonzerte“, bei denen die Leute wegen ihr anwesend und sogar aufmerksam waren, die ihre Musik schätzten und bei denen gut ein Drittel des Publikums sogar CDs kauften. Nachdem das Konzert der Band vorüber war und die letzten Dinge erledigt waren, packte sie ihre Sachen und fuhr mit ihrem Mann erschöpft und hungrig nach Hause. Die Knochen schmerzten, denn es war bereits nach Mitternacht und sie war schon zu lange auf den Beinen. Die Enttäuschung war zwar immer noch groß. Das sollte sich auch nach mehreren Tagen nicht ändern. Doch in einem Jahr würden sie sicher über diese Erfahrung lachen. Und Erfahrungen sind ja auch wichtig. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lachen sie noch heute. Ende.

 

Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Auf die Nennung von Namen wurde jedoch absichtlich verzichtet. Welche Erfahrungen hast du als Support-Act gesammelt? Hast du bereits auf Veranstaltungen gespielt, die eigentlich gar nicht zu dir und deiner Musik passen? Und sind dir schon ähnliche Geschichten mit der Technik passiert? Schreib es gern in die Kommentare. Vielen Dank, dass du auf musifiziert.de. vorbeigeschaut hast. Bis bald.

One Response to “Das Märchen von der großen Chance als Support-Act

  • Ich wollte unbedingt vor MC Fitti auftreten und habe den Manager gestresst.
    Als der Einwilligte war so ähnlich wie bei der Geschichte oben. Die Auftrittszeit wurde spontan zweimal verkürzt und der Backstage war nur für den Hauptact. Geil. Moniorsound gab es auch nicht weil der Herr Fitti Inears hatte. Das Publikum war teilweise interessiert an meiner Musik, aber nicht so wie ich es sonst gewohnt bin. Alles in allem war es unnötig und ein großer Up-turn. Am schlimmsten fand ich das alle involvierten etwas von MC Fitti seinem Ruhm abhaben wollten,
    ich mittendrin. Für was ? Für ein paar Facebookfotos mit dem Star und 3. neuen Freunden.

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