Nachgefragt bei Thorsten Scheerer

Gitarrist und Songschreiber Thorsten Scheerer verrät mir in einem Interview, wie er als Produzent der Band „Bel Harbour“ beim Musikerschaffen vorgeht und seine Werke unter die Leute bringt. „Bel Harbour“ ist ein Studioprojekt mit Hauptsitz in Mannheim, Frankfurt und München sowie einer Satellitenstation in Österreich und macht

„US-orientierten Country-Pop der neuesten Generation mit einem unverkennbaren Soul-Einschlag.“

Thorsten Scheerer

Foto: © Marco Dinkel

10 + 1 Fragen an Thorsten Scheerer

1.) Seit wann machst Du Musik?

Thorsten Scheerer: „Die Formation „Bel Harbour“ existiert seit 2013 und im selben Jahr erschien die erste von mittlerweile sechs EPs. Ich persönlich habe in den frühen 80ern, also mit ungefähr zwölf, begonnen. Zunächst mit klassischem Gitarrenunterricht, später E-Gitarre. In den vergangenen Jahren habe ich verschiedenste Musikrichtungen und Formationen produziert, von denen „Bel Harbour“ die jüngste und bislang größte ist.“

2.) Womit fängst Du beim Songwriting an?

Thorsten Scheerer: „Das ist mir gleich: Das kann ein Textfragment sein, ein Melodiebogen, ein Gitarrenriff oder was auch immer. Um das, was da ist, wird dann ein Song drum herum komponiert und produziert. Inspirierend kann alles sein: So stand ich gestern beispielsweise an einer Ampel neben einem LKW, der im Stand ein prägnantes rhythmisches Rattern von sich gab, und ich dachte „hey, das wäre eigentlich eine tolle Basis für einen Beat“. So entstehen Songs.

Sollte ich kreativitätsmäßig mal hängen, so weiß bei „Bel Harbour“ mein Komponistenkollege und Mitgründer KaDe Schönfeldt stets den nächsten sinnvollen Schritt auf dem Weg zum fertigen Song. Es geht ums Hören, was da ist, daraus etwas machen, wieder hinhören, weitermachen – und mit etwas Geschmack und Erfahrung kann dann am Ende aus allem etwas Großes entstehen, das sogar einen selber überrascht.“

3.) Wie ist Dein erstes bzw. letztes Album entstanden?

Thorsten Scheerer: „Das allererste Album mit KaDe und unserer damaligen Formation „Blue Step“ entstand Anfang der 90er als Live-Einspielung mithilfe eines einzigen Rekorders auf Kassette. Die Aufnahmen wurden später noch dezent mit Software nachbearbeitet und kamen dann noch mal in Kleinauflage auf CD raus.

Heute mit „Bel Harbour“ bringen wir über mein Label „formstreng.net“ etwa zwei digitale EPs pro Jahr mit rund vier Titeln heraus. „Pop Pop Pop“, unsere Neueste, haben wir wie gewohnt in unseren Home-Studios in Frankfurt, Mannheim und München produziert. Für einen Song bekamen wir zusätzlich Gesangsaufnahmen aus Österreich geschickt.

Alles wurde digital aufgenommen, wie man das heute kennt. KaDe und ich hatten wie immer jeden Song zu 80 Prozent vorproduziert, dann kamen die Sängerinnen und Sänger, die regelmäßig mit uns arbeiten, dazu, über die wir wirklich wahnsinnig glücklich sind, denn nur selten übernehmen KaDe und ich das. Das können andere viel, viel besser!“

4.) Mit welchen Programmen arbeitest Du & womit nimmst Du auf?

Thorsten Scheerer: „An Programmen kommt bei „Bel Harbour“ alles, was praktikabel ist, zum Einsatz. Wesentlicher ist, dass Soundkarten und andere Devices technisch die hohen Studio-Werte beherrschen, sodass alle Einzelaufnahmen in qualitativ sehr guten Dateien vorliegen. Aufnahmeprogramme sehen wir also eher als digitale Mehrspur-Band- und Arrangiermaschinen an, denn wir spielen jedes Instrument nach alter Schule handgemacht ein. Da soll nur die digitale Aufnahmequalität stimmen. Lediglich die Beats sind aus Samples oder Loops gebaut.

Daher legen wir hohen Wert auf toll klingende Instrumente, klasse Verstärker und spitzenmäßige Mikrofone. Den echten Sound, den wir hören, genau den wollen wir haben.

Wichtig hingegen in unserem verteilten Arbeitsmodell ist die Cloud, über die wir den jeweiligen Produktionsstand der Stücke austauschen. Ohne diese Innovation der letzten Jahre gäbe es die Musik von „Bel Harbour“ wahrscheinlich gar nicht. Das ist eine enorme Erleichterung bei der Arbeit. Und die Mastering-Tools von iZotope würde ich persönlich auch nicht missen wollen.“

5.) Was tust Du, um Leute auf Deine Werke aufmerksam zu machen?

Thorsten Scheerer: „Wir nutzen vor allem Social Media-Plattformen, aber auch eine tolle Käuferrezension bei amazon oder eine Platzierung in der Top 10 dort, wie sie „Pop Pop Pop“ neulich erreicht hat, bringen viel. Dann erzählen sich die Leute darüber, denn das ist ja schon sensationell, auch ohne Marketing-Maschine das zu erreichen. Wir veranstalten aber auch lokale Release-Feiern, um der heutigen digitalen Vertriebswelt etwas Lebendiges an die Seite zu stellen. Insgesamt sollten wir in Zukunft allerdings noch mehr tun. Da ist noch Luft nach oben, schätze ich.“

6.) Um welche Aufgaben kümmerst Du Dich noch selber und was übernehmen Deine Kollegen oder ggf. professionelle Partner?

Thorsten Scheerer: „Ich persönlich kümmere mich um zwei unserer drei Home-Studios mit allem, was da an Technik und Instrumenten drin ist. Das Song-Schreiben teile ich mir mit KaDe, ebenso Social Media-Marketing wie auch die ganze Produktion einer jeden EP. Allerdings haben wir einen Dienstleister, der unsere Sachen abschließend in die digitalen Plattenregale bei iTunes und Co. bringt.

KaDe und ich spielen die Instrumente selbst ein: KaDe den Bass und alle Tasteninstrumente, ich hauptsächlich die Gitarren. Loops und Samples für Beats kaufen wir zu. Und wir koordinieren alle Gesangsaufnahmen, je nach Ort, an dem sie stattfinden. Den Gesang übernimmt je nach Vorliebe und Neigung jemand aus der fantastischen „Bel Harbour“-Gesangstruppe, auf die wir mächtig stolz sind.“

7.) Dein bisher schönstes Musiker-Erlebnis oder Dein größter Erfolg:

Thorsten Scheerer: „Das schönste Erlebnis ist sicher, mit „Bel Harbour“ eine solch beeindruckende Riege an atemberaubenden und sehr vielfältigen Stimmen für die Arbeit am Gesangsmikrofon begeistert zu haben. Dort liefern Lea Jey, Antje P., Natalie, Isabel, Anika, Miss Red Cat aus Österreich und Mr. Gee aus Tennessee wirklich sagenhafte Performances ab. Ein herzliches Dankeschön an euch alle an dieser Stelle, ihr seid einfach umwerfend!

Als größten Erfolg der zurückliegenden Jahre muss ich das Avantgarde-Projekt „Lilienweiss“ nennen, das sich nicht nur über Preise sowie CD-Veröffentlichungen in Großbritannien und den USA, sondern auch über die Einladung zu einer Festival-Tournee in Nordamerika freuen durfte, inklusive einer Weltpremiere in New York. Und genau da wollen wir auch mit „Bel Harbour“ hin!“

8.) In wie vielen Bands / Musikprojekten hast Du bisher mitgewirkt?

Thorsten Scheerer: „Genau zählen lässt sich das schwer, da viele Musikprojekte temporären Charakter haben und manchmal nur für einige wenige Gigs oder Produktionen zusammenfinden. Das sind bestimmt mehr als ein Dutzend gewesen. Aber wesentliche, nachhaltige Projekte gab es rund fünf oder sechs an der Zahl bisher.“

9.) Hast Du eine musikalische Ausbildung genossen? Wenn ja, welche?

Thorsten Scheerer: „Ja, in Mannheim gibt es seit jeher eine starke Musikerszene. Das hatte ja schon Mozart gewusst und genutzt. Zu meiner Zeit existierte zwar noch nicht die heutige Popakademie, aber ein starkes Netzwerk, insbesondere unter Gitarristen, wo das dann mal halb privat, mal halb gewerblich mit Unterricht organisiert war: Die sogenannte „Mannheim School of Weird Guitar Playing“, wie unsere regionale Gitarrenlegende Hans Reffert das so schön nannte.

Der fühle ich mich im Geiste bis heute verbunden. Und da gab es das komplette Programm zu lernen: Technik, Harmonielehre und Komposition, und zwar von Jazz über Pop bis Heavy Metal. Alles, was man als Popularmusiker halt so braucht und können muss.“

10.) Welchen Tipp hast Du für junge Musiker und Bands?

Thorsten Scheerer: „Üben, üben, üben und sich selbst finden und erfinden, statt jemanden kopieren zu wollen. Das ist in meinen Augen wesentlich, denn wenn es ein tolles Original gibt, wer will dann die beinahe so tolle Kopie haben?

Um im Bild zu sprechen: Stell dir zum Beispiel vor, du stehst im Kreis mit all den Gitarristenlegenden von B. B. King über Eddie van Halen bis Jeff Beck und wen du da noch alles gerne hättest. Ihr jammt und jeder spielt der Reihe nach ein Solo. Sie alle liefern ihr ganz persönliches Statement ab, so wie sie eben klingen, so wie man sie kennt und liebt.

Und jetzt kommst du. Was ist dein Statement? Wofür darf die Welt dich lieben? Ob Instrumentalist, Sänger oder Band: Genau das ist die zentrale Frage, auf die nur jeder selber die Antwort finden kann. Zeig’s ihr!“

Frage +1) Was wolltest Du schon immer mal von anderen Musikern wissen?

Thorsten Scheerer: „Im Anschluss an die vorangegangene Frage, frage ich: Habt ihr euch schon gefunden und liebt ihr, was ihr hört? Meine Antwort an mich selbst ist: Ich arbeite jeden Tag daran, mit jeder neuen Produktion.“

Vielen Dank für das Interview an Thorsten Scheerer. Falls Ihr auf die Frage +1 von Thorsten antworten wollt, tut das gern in den Kommentaren. Wer sich für seine Band „Bel Harbour“ und seine Musik interessiert, findet alle weiteren Infos unter den angegebenen Links:

Weblinks:

www.belharbour.de
www.formstreng.net

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