Als selbstständige Musikerin in der Krise

Während die eine Gruppe noch arbeiten muss (im Homeoffice oder „an der Front“), die andere Gruppe plötzlich frei hat und die freie Zeit genießt, gehöre ich zu einer anderen Gruppe Berufstätiger, der plötzlich ein großer Teil des Einkommens einfach wegbricht. Schuld ist das Coronavirus mit seinen Auswirkungen auf unser tägliches Leben weltweit. In meinem Fall gibt es keine Lohnfortzahlung oder Entschädigung, vielleicht aber dafür ein bisschen mehr Zeit als vorher. Und diese Zeit muss ich produktiv nutzen, um irgendwas zu tun, was mir Einnahmen generiert. Ich bin Freiberuflerin, Musikerin, Künstlerin. Neue Ideen müssen her. Schnell!!!

Als selbstständige Musikerin in der Krise

Zu erst einmal die persönliche Lage ermitteln…

Der Blick auf die Ersparnisse und meine neue Einkommensprognose lähmen mich. Ich sehe zudem mehrere Stapel (teils unbezahlte) Arbeit vor mir und weiß wieder nicht, wo ich beginnen soll. Zunächst will ich mal die Änderung meines voraussichtlichen Jahresarbeitseinkommens an die KSK senden. Ein bedrückendes, schweres Gefühl in der Brust macht sich breit und ich würde mich am Liebsten einfach zusammenrollen und in einer dunklen Ecke verkriechen. Was solls. Ich muss jetzt handeln! Vor wenigen Tagen, noch bevor mir die drohende Langfristigkeit dieser Krise bewusst wurde und ich noch nicht meine finanzielle Situation konkret durch kalkuliert hatte, sah ich noch echte Chancen. Doch nun? – Sollte ich bald anfangen zu fasten, um ein paar Kosten zu sparen? Kann ich irgendwelche Verträge kündigen oder Ausgaben senken? Ich rechne… Doch ich muss feststellen, dass ich meine Finanzen vor einer ganzen Weile längst optimiert habe.

Meine Sparsamkeit macht sich bezahlt…

Immerhin habe ich mir doch ein kleines Polster angespart, um ein paar Monate zu überleben. Wie viele Monate oder Wochen es wohl tatsächlich werden, und ob noch eine große Betriebskostennachzahlung fällig wird? Wie viel wird mein Erspartes in den nächsten Monaten noch wert sein? Fragen, Zweifel, Gedanken… Doch nicht den Kopf hängen lassen, positiv bleiben! Immerhin gehen mir die Ideen nie aus und ich bin doch ein Mensch, der in Lösungen denkt, statt sich mit den Problemen zu beschäftigen. Oder? – Zu Hause bleiben, Abstand halten? Kein Problem! Stubenhocker sein habe ich mein ganzes Leben lang trainiert. Darin bin ich Expertin. Endlich wird man dafür mal NICHT kritisiert und aufgezogen. Ich LIEBE es, allein zu sein und zu machen…!

Chancen erkennen!

Endlich kann ich an meinem Buch weiterschreiben und bin sogar schon ein ganzes Stück weiter: 98.000 Wörter bisher! Außerdem habe ich meinen Unterricht so weit, wie die Schüler dazu bereit sind, auf Videochat via Skype umgestellt. Ich denke auch an die Fertigstellung meines Albums. Und Projekte, in die ich involviert bin, gewannen bereits neuen Input durch meine kurzfristig freigesetzte Energie. Ich kann immer noch Musik produzieren und Gesang aufnehmen, Zusammenarbeiten über das Internet sind also immer noch möglich. Das Thema Zweitverwertung wird auch mal wieder interessant im Bereich Musik sowie Text. Auch bloggen und schreiben geht noch. Ja, das Erstellen von Videos, Podcasts und Social Media Posts wär an diesen Tagen ebenfalls eine sinnvolle Zeitinvestition. Man könnte so viel machen… doch mein Tag hat auch nur 24 Stunden.

Die Existenzangst blockiert mich!

Auf der anderen Seite nehmen die Mails, die beantwortet werden sollen, kein Ende. Die Nachfragen von Freunden, die gerade mehr Zeit haben, möchte ich auch nicht ignorieren, denn wir müssen ja zusammenhalten. Doch ich habe ein schlechtes Gewissen an jedem Tag und zu jeder Stunde, wo ich bewusst „frei“ mache. Ein paar Stunden nichts tun? Einen Film gucken, telefonieren, chatten oder skypen, einen Spaziergang machen oder den Haushalt schmeißen? Vergiss es! Mich begleiten eine stetige innere Unruhe, eine latente Gereiztheit und eine Art Fluchtgefühl, spätestens wenn ich von der Ablenkung zurück, wieder allein für mich bin. – Angst? Existenzangst? Ja! – Wie soll ich damit umgehen? Wie soll ich damit richtige Entscheidungen treffen? Und vor allem, wie soll ich konzentriert arbeiten? Nein, ich bin kein Mensch der Panik verbreitet, sondern eigentlich Ruhe bewahrt und mit Verstand handelt. Aber was tun, wenn man sich im Stich gelassen fühlt und dann all die Emotionen auf einen einprasseln?

Bine arbeitet immer sehr diszipliniert!“

…heißt es von Freunden. Stimmt das wirklich? Wenn ich Dinge tue, die mir Spaß machen, dann kann ich daran einen ganzen Tag arbeiten ohne große Pause und ohne, dass es mich stört. Das ist richtig! Doch ist das Disziplin, wenn man etwas tut, was einem Spaß macht und man sonst nichts fürchten muss? Wenn ich dagegen Dinge tun muss, die mir absolut widerstreben, ich unter Druck stehe und in den Dingen weder Sinn noch Spaß sehe, dann bin ich wohl genauso sparsam mit Disziplin wie jeder andere, der nur Dienst nach Vorschrift macht.

Lass mich etwas machen, was ich gut kann und mag und du wirst Erfolge sehen, anderenfalls bin ich nur Sand im Getriebe.“

Ich halte nicht viel davon, andere Projekte mit meinem Widerwillen absichtlich auszubremsen, dann ziehe ich mich lieber ganz daraus zurück. Es ist auch nicht immer die Arbeit an sich, die dabei entscheidet, wie gern ich daran arbeite, sondern auch das Erkennen meines Werts und die jeweilige Bezahlung. Ich bin mittlerweile eine Expertin in wirklich vielen Gebieten und habe entsprechende Erfahrungen, die ich weitergeben kann. Nur, weil ich eine Frau bin und mir eine künstlerische Tätigkeit ausgesucht habe, bin ich nicht naiv. Auch nicht in der Krise! Ich muss nicht umsonst arbeiten! Vielleicht bin ich manchmal noch zuuuu hilfsbereit und gutgläubig, doch ich kenne (mittlerweile) meinen Wert! Und wer ihn nicht zu schätzen weiß, darf nicht auf eine gute Zusammenarbeit hoffen. Doch sollte man in Zeiten der Not wählerisch sein?

Segen und Fluch: Selbstständigkeit

Früher habe ich mir alles gefallen lassen und habe auf den gut gemeinten Rat von Angehörigen gehört und immer auf die Sicherheit hinter einer Festanstellung gesetzt. Ja klar, ich beneide alle, die jetzt trotzdem ihr Gehalt bekommen und ENTSPANNT zu Hause bleiben können. Aber eine Festanstellung käme trotzdem nicht infrage. Als Angestellte fühlte ich mich früher immer eher „versklavt“, weil irgendjemand über meine Zeit bestimmte und ich in dieser Zeit nicht für meine persönlichen Ziele arbeiten konnte. Nach Feierabend war dann kaum noch Energie übrig. Vermutlich ist das der Grund, warum ich Angestelltenjobs in meinem Leben hinter mir gelassen habe, abgesehen von Minijobs. Vielleicht kann ich auch einfach nicht gut mit Autoritäten umgehen. Wer weiß. Trotzdem bereue ich nicht meine Entscheidung, selbstständig zu sein und will meine Verantwortung für mein Leben nicht abgeben.

Verlorene Zeit kommt nie wieder…

Ich will selbst bestimmen, wie ich meine Zeit nutze und mich später nicht ärgern müssen, dass ich 30 Jahre Zeit verschwendet habe, weil ich mich nicht getraut habe, meinen Traum zu leben. Zugegeben, ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) würde natürlich sehr helfen in der aktuellen Situation, aber das ist ja ein anderes Thema. Apropos: Konntet ihr auch in eurem Umfeld während der aktuellen Situation Menschen beobachten, die mit der freien Zeit plötzlich aufgeblüht sind und aktiv, kreativ und produktiv geworden sind, weil sie nun Zeit haben und trotzdem ihr Gehalt bekommen? – Ich auch! Das ist doch ein guter Beweis dafür, dass die Menschen eben nicht einfach nur faul werden, wenn sie ein BGE erhalten würden. Nur mal so am Rande zum Nachdenken…

Krisenzeit ist Zeit zum Nachdenken.

Auch wenn ich in meiner Beklemmung und Angst um meine finanzielle Existenz teilweise gelähmt und blockiert bin, bleibt Zeit fürs Nachdenken. Man vergisst schnell, dass Kopfarbeit im Sinne von Nachdenken, Reflektieren, Visualisieren und Pläne schmieden auch ein großer Teil der Arbeit ist. Vorarbeit sozusagen. Wenn ich mir Gedanken mache über mein Business und Ideen durchdenke, dann bin ich quasi mittendrin im Prozess. Scheiß egal, ob das an einem Bürotisch oder auf dem Sofa oder im Bett ist. Man kann erst handeln, wenn man gut geplant und durchdacht hat. Ob es sich dabei um Songwriting, ein Buch, Unterrichtsplanung, neue Geschäftsideen oder Marketingaktionen handelt, ist doch Wurscht.

Und wenn ich nicht produktiv sein kann?

Okay, es geht nicht immer! Ich kann nicht NUR produktiv sein. Weder im Kopf, noch im Umsetzen von Ideen. ABER: Wenn ich mich gelähmt fühle und nicht weiter weiß, dann kann ich zumindest versuchen zu lernen. Ich habe beispielsweise angefangen, mich mit einem neuen Programm vertraut zu machen via Tutorials, ich lese und versuche an meiner Persönlichkeit und meinen Denkmustern zu arbeiten. Ich höre Podcasts und versuche beim Thema Finanzen noch unabhängiger zu werden. Ich kann auch an meinem Gesang arbeiten und üben, neue Songs ausprobieren und meine Instrumente öfter spielen. Es gibt doch eine ganze Menge, was ich tun kann, um die Zeit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Und all das empfehle ich auch allen anderen Menschen, die in dieser Krise mehr Zeit haben. Stellt euch jetzt die Frage: „Was will ich wirklich?“, das „Wie“ kommt von allein. – Lest, lernt, probiert aus, schmiedet Pläne, setzt Ideen um und befreit euch aus dem Sumpf. Auch euch: Kopf hoch und vor allem: bleibt gesund!