7 Dinge, die du von Max-Martin-Songs lernen kannst

Jeder kennt sie: Hitsongs, die den ganzen Tag im Radio rauf und runter laufen. Der eine liebt sie, der andere hasst sie. Und doch bleiben sie oft tagelang im Kopf. Und als Musiker wünscht man sich ja manchmal selbst irgendwie, dass einem so etwas auch mal gelingt. Viele dieser Songs eint ein ähnliches Songwriting-Prinzip und Sabine hat im Beitrag „Wie schreibt man einen Hit? – 7 goldene Regeln“ schon mal ein paar dieser grundlegenden Regeln benannt. Auf der Suche nach der sogenannten „Hitformel“ und neuen Ansätzen im Songwriting habe ich mal ein paar Max-Martin-Hits unter die Lupe genommen und möchte meine Entdeckungen mit euch teilen.

Max Martin Songwriting

Wer ist noch gleich dieser Max Martin?

Max Martin ist ein schwedischer Songwriter und Produzent, der seit Mitte der 1990er Jahre alleine in den Vereinigten Staaten 22 Nummer 1-Hits und unzählige Top 10-Hits geschrieben hat. Dabei hat er mit und für Künstler wie die Backstreet Boys, Bon Jovi, Britney Spears, Pink, Katy Perry, Taylor Swift oder Ellie Goulding gearbeitet. Einen ganz guten Überblick über sein Schaffen zeigt dieses YouTube-Video. Natürlich hat er dabei in den wenigsten Fällen alleine gearbeitet, aber er steht doch sinnbildlich für eine bestimmte Art des Songwritings und der Musikproduktion. Darum werfen wir jetzt mal einen Blick darauf, was seine Songs ausmacht und was wir von ihm lernen können.

# 1 Motive und Phrasen

Wenn man verstehen möchte, wie Max Martin reihenweise Melodien schreibt, die im Kopf bleiben, muss man zunächst einmal die Denkweise von Motiven und Phrasen verstehen. Ein Motiv ist die Folge mehrerer Töne und eine Phrase eine Aneinanderreihung mehrerer Motive.

Jeder von euch, der eigene Songs schreibt, wird zahlreiche Motive und Phrasen in seinen Liedern finden. Gerade wenn man viel aus dem Bauch heraus schreibt, sind einem diese zunächst gar nicht so bewusst. Aber es kann sich durchaus lohnen, diese mal ein bisschen unter die Lupe zu nehmen. Gerade wenn man zum Beispiel eine gute erste Idee hat, aber nicht genau weiß, wie man weitermachen soll.

Max Martin setzt seine Phrasen vor allem in den Strophen nach strengen Prinzipien ein. Eine typische Aufteilung ist zum Beispiel die aus der 1. Strophe von Katy Perrys Hit „I Kissed A Girl“:

  • 4-taktige Phrase 1
  • Wiederholung 4-taktige Phrase 1
  • 4-taktige Phrase 2
  • Wiederholung 4-taktige Phrase 2 (leichte Veränderung am Ende)

Vor allem für den Refrain liegt der Fokus auf rhythmisch einfachen und oft wiederholten Motiven. Ein gutes Beispiel ist hierfür das „Dance Dance Dance“-Motiv in „Can`t Stop The Feeling“ von Justin Timberlake. Das ist auch einfach zum Mitsingen, da der Text simpel gehalten ist (ein Tipp aus Sabines Hitsong-Beitrag) und da es insgesamt 5 Mal im Chorus eingesetzt wird – zum Thema Wiederholungen aber später mehr.

# 2 Die Funktion von Tönen

Als Nächstes schauen wir uns die Töne an, die Max Martin in seiner Songwriting-Technik verwendet und die nicht selten als „Melodic Maths“ bezeichnet wird. Aber auch wenn man es nicht so mit den Naturwissenschaften hält, schadet es nicht, sich mit der Funktion von Tönen zu den jeweiligen Akkorden zu beschäftigen.

Singt man einen Grundton über dem Akkord, wird es einen anderen Effekt haben, als wenn man zum Beispiel eine große Sekunde, Quinte oder Sexte über dem Grundton singt. Hier entsteht automatisch eine gewisse Spannung, da es die Töne irgendwo hinzieht. Wenn man also ein Motiv auf einem Ton startet, der eine gewisse Spannung erzeugt und dann auf dem Grundton endet, löst man die Spannung wieder auf.

Beim Hören baut das Ohr im Laufe des Motivs eine Erwartungshaltung auf, dass die Spannung wieder aufgelöst wird und genau das passiert, wenn wir am Ende auf dem Grundton landen. Die Erwartungshaltung wird somit erfüllt und das Ohr ist zufrieden. In vielen Fällen machen wir das allerdings aus genau diesem Grund auch automatisch beim Schreiben von Melodien. Und daher verzichte ich jetzt auch mal auf theoretische Beispiele.

Wenn ihr aber mal etwas Neues ausprobieren möchtet und eine schöne Akkordidee habt, probiert doch mal aus, eine Melodie auf einem der oben genannten Töne zu starten und schaut, wohin es euch treibt.

# 3 Wiederholungen der Töne und Motive

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und diesen Effekt kann man sich auch beim Songwriting zunutze machen. Eine ganz einfache Möglichkeit ist es, zum Beispiel den Chorus doppelt zu spielen.

Aber auch im Bereich der Motivik innerhalb einer Phrase finden wir diesen Effekt immer wieder. Schaut man sich zum Beispiel die Strophe von The Weekends „I Can`t Feel My Face“ an, so fällt auf, dass das erste Motiv dreimal wiederholt wird. Danach kommt das „this I know“ als Überleitung in den PreChorus. Dieser besteht dann aus einer vierfachen Wiederholung eines anderen Motivs, wobei die zweite und vierte Version leicht verändert ist. Zugespitzt formuliert bestehen Strophe und PreChorus also aus jeweils einem Motiv. Der Refrain wird sogar noch deutlicher und wiederholt ein drittes Motiv einfach vier Mal hintereinander. Da das Lied nur diese drei Formteile hat, besteht es also quasi komplett aus der Wiederholung dreier Motive.

Hier ist es dann die Aufgabe eines ausgeklügelten Arrangements, dass das Stück nicht langweilig wird. Das gelingt bei „I Can`t Feel My Face“, oder wer hätte gedacht, dass der Song so simpel ist?

Wenn du also das nächste Mal nicht weiterkommst beim Songwriting, dann wiederhole doch einfach mal das vorherige Motiv!


– Anzeige –

# 4 Mit der Erwartungshaltung arbeiten

Unter Tipp 2 haben wir ja bereits die Erwartungshaltung angesprochen und dieser Effekt wird bei Hitsongs tatsächlich oft bewusst verwendet. Bei Kelly Clarksons „Since You`ve Been Gone“ zum Beispiel endet jede 4-taktige Phrase in der Strophe mit „oh oh since you`ve been gone“. Da fragt man sich als Hörer zumindest unbewusst, was geschehen ist, nachdem er gegangen ist, nur um im Chorus dann die Antwort zu erhalten. Dadurch, dass sie das Motiv in der Strophe auch in einer Abwärtsbewegung singt, klingt es eher unglücklich und steht damit im Gegensatz zum fröhlichen Refrain. Der Zuhörer wird also ein wenig überrascht und die unterschwellige Spannung aufgelöst.

Ein weiteres geniales Beispiel für das Arbeiten mit der Erwartungshaltung ist auch die Single „Love Me Like You Do“ von Ellie Goulding. Hier endet der erste Refrain mit der Phrase „What are you waiting for?“ und statt den Refrain zu wiederholen und die Frage zu beantworten, geht es dann direkt in die zweite Strophe. Diese endet dann im Gegensatz zur Ersten mit einem PreChorus und der Frage „What are you waiting for?“. Und während die Frage bis hierhin noch unbeantwortet im Raum stand, wird sie dieses Mal beantwortet. Im Folgenden taucht dieses „Frage-Antwort-Spiel“ noch mehrfach auf und wird jedes Mal direkt mit einem weiteren Chorus beantwortet. Warum also nicht mal mit einer Frage im Chorus arbeiten?

# 5 Die Rolle des PreChorus

“Love Me Like You Do“ bringt uns auch zu unserem nächsten Trick. Max Martin und seine Kollegen verwenden hier folgende Form:

  • Verse 1
  • Verse 2
  • Chorus
  • Verse 3
  • PreChorus
  • Chorus (zweimal)
  • PreChorus (als Bridge)
  • Chorus (zweimal)

Hier fallen zwei Dinge auf, zum einen wird in der ersten Strophe auf einen PreChorus verzichtet, zum anderen wird der PreChorus dann als Bridge verwendet. Das hat den Effekt, dass einem die zweite Strophe sehr kurz vorkommt und man gleichzeitig eine melodische Steigerung durch den PreChorus im Vergleich zur ersten Strophe erhält. Ein weiterer Nebeneffekt ist, dass einem die Bridge bekannt vorkommt, sie aber erst einmal verwendet wurde und somit noch nicht verbraucht ist. Während er den PreChorus früher eher nicht als Bridge verwendet hat, kam dieser Trick in den letzten Jahren gehäuft vor, so auch zum Beispiel bei „I Can`t Feel My Face“.

# 6 Immer weniger Formteile

Wie wir jetzt an der Form dieser beiden Lieder gesehen haben, ist es überhaupt nicht schlimm, wenn ein Song nur aus drei Formteilen besteht. Viele andere Hitsongs arbeiten mit vier Songteilen, aber mehr sind es dann selten. Zum einen liegt das an dem unter Punkt 3 beschriebenem Effekt von Wiederholungen. Zum anderen auch an der recht kurzen Länge von circa 3 Minuten. Da bleibt kaum Zeit für lange Intros oder komplizierte Zwischenteile. Außerdem ist ein erklärtes Ziel der Popmusik viele Menschen zu erreichen. Dafür ist es förderlich, wenn die Songs nicht zu kompliziert sind.

Ein sehr extremes Beispiel sind Dynoro und Gigi D‘Agostino mit „In My Mind“. Die Nummer besteht nur aus zwei Formteilen, die sogar beinahe identische Lyrics und eine fast komplett identische Melodie haben. Spätestens seit dem Erfolg dieser Nummer, sind dem Minimalismus wohl keine Grenzen mehr gesetzt.

# 7 Arrangement

Damit ein Song aber trotz weniger Songteile spannend bleibt, rückt das Arrangement immer stärker in den Vordergrund. Ähnlich wie es bei der Melodie wichtig ist, dass man die richtige Balance zwischen Altbewährtem und neuer Phrase findet, ist es das auch beim Arrangement. Die Arrangements werden zurzeit wieder deutlich simpler und es wird mehr Wert auf die einzelnen Sounds gelegt. Typisch ist für einen Max Martin-Song, dass sich das Arrangement innerhalb einer Phrase nicht verändert, sondern erst dann, wenn sich auch die Phrase ändert.

Und auch beim Arrangement ist selbstverständlich Platz, um mit der Erwartungshaltung zu spielen. Ein cooler Sound oder ein unerwartetes Instrument zwischendurch können das ganze Arrangement auflockern und deinem Song den nötigen Wiedererkennungswert verleihen.

Ein guter und oft von ihm praktizierter Trick ist es auch, den ersten Chorus eher tiefer zu singen und den zweiten und dritten eine Oktave höher. So erhält der Song melodisch noch mal ein weiteres Element zum Spannungsaufbau, das sehr einfach umgesetzt werden kann.

Fazit

Alles in allem gibt es natürlich viele verschiedene Faktoren, die einen potenziellen Hitsong ausmachen. Und dazu zählt vor allem auch die persönliche Note. Aber gerade wenn man mal nicht weiterkommt mit seinen Songs oder etwas Neues ausprobieren möchte, sind diese Tricks sicher eine gute Anregung. Und nicht zuletzt wurden sie bereits hundertfach erfolgreich angewendet. Damit wünsche ich viel Spaß beim Ausprobieren und sag uns Bescheid, wenn dein Song im Radio läuft!

Dieser Artikel wurde von Lasse Corus geschrieben, der norddeutsche Schlagzeuger und Songwriter macht zurzeit seinen Bachelor of Arts in Creative Musicianship am Londoner ICMP. Alle Einblicke in sein Leben als Musikstudent und Musiker gibt es auf Instagram und unter lassecorus.com.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.