Nachgefragt bei Philipp Krassl

Im Folgenden geht es um Stromgitarrist und Songschreiber Philipp Krassl. Er liebt das Experimentieren und hat ganz eigene Vorstellungen beim Musikmachen. Er verrät im Interview, wie er zu alternativen Tunings auf der Gitarre steht und welche Banderfahrungen er bereits gesammelt hat. Falls sich jemand unter dem Genre: Shoegaze, No Wave, Noise vielleicht noch nicht so viel vorstellen kann, dem würde Philipp seine Musik so beschreiben:

Gitarrenriffs aus der Tiefe im Wechsel mit atmosphärischen Passagen, die am Ende gegen eine Wall of Sound gefahren werden.“

Philipp Krassl

© Foto: Josefine Schön

10+1 Fragen an Philipp Krassl

1.) Seit wann bist Du musifiziert?

Philipp Krassl: „Im Jahr 1999 habe ich MTV damals für mich entdeckt, dort lief natürlich überwiegend radiotaugliche Popmusik. Mein erster Kontakt mit Rockmusik war, als mein Vater mir erstmals AC/DC vorgespielt hatte. Der absolut ausschlaggebende Song aber war dann „The Fight Song“ von Marilyn Manson und „Mechanical Animals“ wurde meine allererste selbst gekaufte Platte.

Im Frühjahr 2003 bekam ich eine Akustikgitarre, wechselte bald zum E-Bass und zwei Jahre später zur Stromgitarre. Heute spiele ich also fast 14 Jahre und habe in den Jahren viele verschiedene Modelle ausprobiert. Seit 2012 habe ich meinen eigenen Stil gefunden und spiele ausschließlich „Offset-Modelle“ von Fender, mit denen ich am Besten den gewünschten Stil und Sound umsetzen kann.“

2.) Womit fängst Du beim Songwriting an?

Philipp Krassl: „Songs entstehen hauptsächlich beim Jammen mit anderen Leuten oder daheim mit der Drum Machine. Manchmal kommt es von ganz alleine und ein Lied wird binnen 1-2 Stunden in seiner Grundform fertig und muss nur noch, meist über mehrere Tage hinweg, ausgefeilt werden. Manchmal habe ich ein Riff oder eine Melodie und finde einfach keinen Anschluss daran, sodass manche Songs auch schon 2 Jahre gebraucht haben. Selten fallen sie unter 4 min. Länge aus. Dabei habe ich früher für ein Lied einen Text ausgewählt. Heute schreibe ich die Texte konkret auf das jeweilige Lied.

Als ich vor 4 Jahren die Band Sonic Youth für mich entdeckt habe, war das ein krasser Einschnitt. Die Band ist dafür bekannt, ihre Gitarren nicht in EADGBE zu stimmen, sondern in scheinbar willkürlich andere Tunings. Als ich erstmals mit eigenen, selbst zusammengestellten Tunings herumexperimentiert habe, erschlossen sich mir vollkommen neue Welten. Ich brauchte nur meine Gitarre in die Hand nehmen und die Ideen kamen wie von allein.

Den unter Gitarristen beliebte „Powerchord“ hatte ich, sobald ich damals einigermaßen das Instrument beherrschte, versucht möglichst zu umgehen, weil er mir zu einfach erschien. Durch diese „altered tunings“ funktionieren die üblichen A-/Em-/G-Akkorde etc. nicht mehr, es bietet sich aber die Möglichkeit ganz andere zu spielen, die oftmals mit einer angenehmen Dissonanz einhergehen. Man kann sehr viel Zeit damit verbringen, nach neuen Griffen zu suchen. Seit 4 Jahren habe ich nicht mehr in EADGBE gespielt. „With standard tunings you only can play standard songs.“ (Zitat von Thurston Moore).“

3.) Wie ist Dein erstes bzw. letztes Album entstanden?

Philipp Krassl: „Auf meinem Laptop sind über 60 Songs abgespeichert. Ich hoffe, irgendwann kann ich sie in einem Studio qualitativ einspielen und veröffentlichen!“

4.) Mit welchen Programmen arbeitest Du & womit nimmst Du auf?

Philipp Krassl: „Meine Songs habe ich alle selbstständig in meinem Wohnzimmer mit Audacity aufgenommen, ohne teures Equipment. Proberäume sind in Leipzig sehr rar und teilweise schwer erschwinglich für Musiker und Bands im Alter zwischen 20-30 Jahren. Da ich aus Rücksicht auf meine betagten Nachbarn nicht so laut aufdrehen kann, wie ich gerne wöllte, verzichte ich auf übermäßig teure Mikrofone um die perfekte Aufnahme machen zu können. Es reicht mir, die Lieder überhaupt erst einmal festzuhalten, um sie dann mit einer Band später live einspielen zu können.“

5.) Was tust Du, um Leute auf Deine Werke aufmerksam zu machen?

Philipp Krassl: „Eine wichtige Plattform sind dabei die Musiker/Bands-Gruppe auf Facebook oder das Schwarze Brett von Citysound.“

6.) Um welche Aufgaben kümmerst Du Dich noch selber und was übernehmen Deine Kollegen oder ggf. professionelle Partner?

Philipp Krassl: „Ich fahre einen Kombi mit jeder Menge Platz. Darin passten schon ein komplettes Schlagzeug, ein Bassverstärker und drei Leute.“

7.) Dein bisher schönstes Musiker-Erlebnis oder Dein größter Erfolg:

Philipp Krassl: „Wie gerade schon beschrieben sind Liveauftritte oder das Spielen bei einer Jamsession vor und mit Leuten, das beste Gefühl. Vor allem wenn man mit denen zusammenspielt, die die gleichen Genres mögen und mit denen auf Anhieb etwas Produktives entspringt. Aber eine Gitarre aus dem Karton zu nehmen, die man schon monatelang bei eBay gesucht hat und die nun endlich geliefert wird, ist auch nicht schlecht. Ebenso das Experimentieren mit neuen Tunings und Effektpedalen – ich nutze Reverb und Delay im Überfluss.“

8.) In wie vielen Bands / Musikprojekten hast Du bisher mitgewirkt?

Philipp Krassl: „Aufgrund diverser unumgänglicher Einschränkungen konnte ich leider nie meine Musik dem großen Publikum vorstellen. Leider nur für kurze Zeit gab es eine Formation aus einer Schlagzeugerin, einem Bassisten und mir an der Gitarre. Das erste Mal auf der Bühne stand ich mit Bassist Benedikt als krankheitsbedingten Ersatz für eine befreundete Band, deren Mitglieder kurzfristig ausgefallen sind. Wir waren Vorband für The Heroine Whores, mit denen ich zuvor bereits einmalig gejammt hatte.

Zu dritt standen wir nur einmal unter dem Bandnamen Astromelia vor kleinem Publikum im Con Han Hop, um zu spielen. Beide Male waren ein großartiges Erlebnis, das ich jederzeit gerne nachholen würde! Ich hoffe, dass sich das in den kommenden Monaten wieder ergeben wird, denn die Lust darauf ist riesig. Die Kreativität und der Spaß am Musikmachen sind definitiv vorhanden. Die Musik ist mehr als nur ein Hobby für mich. Bis dahin spielte ich mit Schlagzeugerin Beatrice im Proberaum der VILLA und öfter mit Schlagzeugerin Antonia bei Jamsessions oder mit anderen zu zweit oder dritt in Proberäumen.“

9.) Hast Du eine musikalische Ausbildung genossen? Wenn ja, welche?

Philipp Krassl: „Als ich 2003 meine erste Gitarre bekam, musste ich zum Gitarrenunterricht gehen – Anordnung der Eltern. Nach nicht mal einem Jahr hörte ich damit auf, weil ich Rockmusik spielen wollte, der Lehrer mir aber Lieder der Kategorie gelehrt hat, die man Ostern und Weihnachten der Familie vorzupfen kann. Zuhause brachte ich mir daher autodidaktisch das bei, was ich selbst gerne hörte. Ich kann keine Noten lesen (nur wenig), kenne keine Namen der Akkorde (bei den „altered tunings“ stimmt eh nichts mehr überein) und kann nicht spielen und gleichzeitig singen (das Singen überlasse ich gerne anderen).

Das ist mir auch ziemlich egal und nicht wichtig. Ich spiele sehr intuitiv, was mir ermöglicht genau das umzusetzen, was gerade in mir vorgeht, und fokussiere mich mehr auf die Tunings und Effekte beim Spielen. Persönlich finde ich es wenig interessant, wenn manche Gitarristen strikt nach den „Regeln der Musiktheorie“ spielen – es wiederholt sich alles. Ich baue in meine Songs und Jams bewusst dissonante oder schräge Akkorde und Parts mit ein, gehe an die Grenzen des Zumutbaren und lasse meine Gitarre übersteuern. Am Ende eines Jams das Lied einfach zu zerstören und mit viel Distortion schlichtweg Krach zu machen ist ungeheuer befreiend. Dabei wird das Instrument zu einem Werkzeug. Das stößt den meisten Zuhörern vor den Kopf, aber jeder hat eben seine Vorlieben, seinen Stil und seine Vorstellungen.“

10.) Welchen Tipp hast Du für junge Musiker und Bands?

Philipp Krassl: „Mein Tipp vorerst an die Eltern eines Kindes, das Gitarre lernen möchte. Ich empfehle, mit einer E-Gitarre anzufangen. Meiner Ansicht nach ist sie für ungeübte Finger vom Griff her viel einfacher zu bespielen, sie verzeiht mehr Fehler und ist vielseitiger, sodass der Enthusiasmus nicht zu schnell schwindet. Eltern, die zunächst nicht viel Kenntnisse haben, glauben, dass eine E-Gitarre Unsummen kostet, und kaufen daher eine Akustik, dabei gibt es komplette Anfänger-Sets mit Verstärker, Kabel und Plektren für 150€.

Für diejenigen, die schon fortgeschritten sind, rate ich, einfach am Ball zu bleiben. Wer von sich glaubt, dass er Talent besitzt, der sollte sich nicht unterkriegen lassen von Rückschlägen, einer erschwerten Proberaumsuche, schlecht besuchten Gigs und Streitereien in der Band. Nehmt euch Zeit, an euch und den Songs zu basteln, seid kreativ, überlegt euch, wohin die Reise überhaupt gehen soll und legt dann so richtig los!“

Frage +1 Was wolltest Du schon immer mal von anderen Musikern wissen?

Philipp Krassl: „Welchen Stellenwert haben CDs in Zeiten von MP3 und Spotify heute noch für euch? Reicht es euch, ein Lied auf dem Rechner und iPod zu haben oder wollt ihr eine CD, die man in den Händen halten kann mit einem interessant gestalteten Booklet und Fotos der Band?“

Vielen Dank für das Interview an Philipp Krassl. Wer Philipp’s +1 Frage beantworten möchte, kann gern einen Kommentar hinterlassen.

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