Kann man seiner Stimme zu viel Aufmerksamkeit schenken?

Musifiziert-Leserin Katja fragte mich, ob ich das Gefühl kenne, wenn man seiner Stimme „zu viel“ Aufmerksamkeit schenkt? Sie war eine Zeit lang heiser und wollte mit Gesangsunterricht die Stimme wieder fit machen. Allerdings war sie wohl an die „falsche“ Lehrerin geraten – eine „Klassikerin“, die eher abfällig über nicht „Nicht-Klassiker“ denkt. Diese riet ihr sofort mit dem Singen aufzuhören, mindestens ein Jahr, sonst vernichte sie dauerhaft ihre Stimme wegen schlechter Technik. Katja war am Boden zerstört! Nach ärztlicher Abklärung hat sie sich dann eine andere Lehrerin gesucht, wo sie sich gut aufgehoben fühlt. Seit diesem Zwischenfall reagiere sie jedoch auf jedes noch so kleine Stimmproblemchen hypersensibel. Deshalb fragte sie mich nach meiner Meinung dazu, und wie es mir da gehe, zum Beispiel nach einer Erkältung, oder wenn ich es vielleicht mal übertrieben habe? Vertraue ich auf meine Stimme, oder bin ich schnell verunsichert, wenn es mal nicht so rund läuft?

Kann man seiner Stimme zu viel Aufmerksamkeit schenken

Zum Thema Heiserkeit…

… habe ich bisher immer, wenn es sich bei mir angedeutet hat und bevor es zu schlimm wurde, auch direkt eine Zwangspause eingelegt. Doch Heiserkeit kam bei mir meist nicht vom Singen, sondern eher vom Sprechen. Beim Sprechen sollte man ebenso gut artikulieren („P-T-K“) und auf die Haltung und Energie im Körper achten. Als eher zurückhaltender Mensch habe ich von „Natur aus“ eine geduckte Haltung. Naja mehr unbewusst “antrainiert“. Mir ist klar, dass das etwas mit Selbstbewusstsein zu tun hat. Ich achte nun bewusster auf meine Haltung und überwinde mich auch beim Sprechen zur klaren und lauten Aussprache, die „vom Bauch her“ kommt. Wenn ich das mal wieder vergesse, merke ich aber sofort, wie es die Stimme belastet. Was bei Heiserkeit helfen kann, habe ich im Artikel „Bei Heiserkeit – 8 Tipps und Hausmittel“ schon mal aufgelistet.

Bewusstsein

Durch Gesangsunterricht habe ich gelernt, meinen Körper und meine Stimme bewusst zu beobachten. Und mich zum Beispiel aus meiner gebeugten Haltung wieder aufzurichten und bewusst meinen Stimmsitz zu kontrollieren. Ich ertappe mich immer noch sehr häufig, wie ich mich unbewusst klein mache und sich meine Stimme deshalb gar nicht recht entfalten kann. Spätestens, wenn ich merke, dass ich etwas nicht so singen kann, wie ich will, überprüfe ich zuerst meine Haltung und Energie im Körper.

Es gibt auch mal schlechte Tage.

Wenn ich meine Haltung und Energie im Blick habe und es trotzdem nicht so läuft, dann kann es auch sein, dass ich einfach einen schlechten Tag habe. Gerade nach einer Erkältung oder bei PMS / Menstruation erlaube ich es mir, auch „nur“ im Mittelbereich zu singen und mache mir bewusst, dass es okay ist, wenn ich nicht an jedem Tag stimmliche Höchstleistung bringen kann. Durch eine persönliche Liste zu meinem Stimmumfang an unterschiedlichen Tagen, habe ich mir ein Selbstvertrauen zu meiner Stimme geschaffen. Ich weiß, welche Tonhöhe ich sogar an schlechten Tagen schaffe. Bei einer Erkältung zum Beispiel erweitert sich der Stimmumfang dann sogar um 2 ganze Töne in die Tiefe. Das ist auch interessant. Eine Liste zum eigenen Stimmumfang kann ich jedem, der sich noch über seine Stimme unsicher ist, nur empfehlen.

Wenn ich zu viel gebe…

Wie Katja es beschreibt, kenne ich aber auch das Gefühl, zu viel zu geben bzw. es zu übertreiben. Ich würde behaupten, das dahinter ein gewisser Ehrgeiz steckt. Zu viel davon kann aber auch eine gewisse „Verklemmtheit“ bewirken. Besonders als ich früher noch keinen Gesangsunterricht hatte und versucht habe, diese sogenannte „Bauchatmung“, von der man immer hört, in mein Singen „einzubauen“, habe ich völlig falsch gesungen. Gemerkt habe ich das oft beim Aufnehmen. Der Ehrgeiz-Gedanke: „jetzt möchte ich es besonders richtig machen“ hat mir trotzdem keine hohen Töne ermöglicht und am Ende war ich sogar heiser. Ich wollte kraftvoll, laut und hoch singen. Das geht aber nicht mit angespannten Bauchmuskeln. Im Gegenteil. Jedoch immer wenn ich stattdessen gesungen habe, als wär es mir egal oder wenn es nicht darauf ankam, dann erreichte ich plötzlich locker meine Gesangsziele. Eine gewisse Gelassenheit hilft also neben dem ganzen Wissen auch. – Nicht verwechseln mit körperlicher Abgeschlagenheit, Müdigkeit oder Schlaffheit!

Intuition

Ich persönlich denke, dass wir eigentlich intuitiv bereits „richtig“ atmen, singen und sprechen. Da muss gar nicht so mega viel „korrigiert“ werden, wie man das als nicht ausgebildete/r Sänger/in vielleicht anfangs denkt. Sobald wir jedoch etwas versuchen, mit Kraft zu erzwingen, schaden wir der Stimme. Singen ist ja nicht Schreien. Die Lautstärke kommt von allein, wenn die Stimme richtig sitzt und die Resonanzräume im Körper genutzt werden. In der Klassik erzeugen die Sänger/innen natürlich eine wesentlich größere Lautstärke, als zum Beispiel im Pop. Aber im Pop arbeitet man hingegen auch mit Mikrofon, um die Stimme ausreichend zu verstärken. Das kann man also gar nicht so wirklich miteinander vergleichen. Und ich kann mir vorstellen, dass Katjas klassische Lehrerin vielleicht aufgrund dieser Tatsache eher abwertend über die „Nicht-Klassiker“ denkt. Allerdings selbst ein Opernsänger kann keine Rockband übertönen. Die Regelung der Lautstärkenverhältnisse einer Band mit elektrischen Instrumenten ist Aufgabe des Tontechnikers.

Weniger Aufmerksamkeit auf Probleme!

Es gibt einen Spruch, den ich sehr treffend finde: „Alles, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, wird stärker.“ – Der trifft in so wahnsinnig vielen Bereichen des Lebens zu und gilt für Positives wie Negatives. Wenn wir uns auf die Dinge fokussieren, die wir nicht können, dann schwächt das unser Selbstvertrauen. Wenn wir uns auf Krankheiten fokussieren und uns immer wieder sagen, wie schlimm das ist, verzögern oder verhindern wir unsere Selbstheilung. Lenken wir hingegen unsere Aufmerksamkeit auf die Dinge, die wir schon wirklich gut machen, stärkt uns das nicht nur in diesem Bereich, sondern hilft uns auch, in anderen Bereichen besser zu werden. Reden wir uns ein und glauben daran, dass wir gesund sind und es völlig akzeptabel ist, dass nicht jeder Tag super ist, dann hilft es uns tatsächlich auch, gesund zu werden. Siehe Placebo-Effekt.

Über das „zu viel“ in bestimmten Tonlagen?

Um noch mal auf die Stimme zurückzukommen. Natürlich gibt es auch Unterschiede, was die mögliche Lautstärke der Stimme in verschiedenen Tonlagen betrifft. Singe ich ganz tief, dann kann ich nicht so laut singen bzw. erreiche bestimmte tiefe Töne erst gar nicht, wenn ich es übertreibe. In den hohen Tönen hingegen, die ich in der Kopfstimme singen kann, kann ich durchaus richtig laut werden und muss dabei aber auch den Körper einsetzen und den Gesang stützen. Wiederum am Ende der Bruststimme, also da wo der Bruch zwischen Brust- und Kopfstimme ist, darf ich ebenso nicht zu viel geben, weil ich dann stimmlich kippe. Singe ich mit der Bruststimme hingegen nur mit „halber Kraft“ über diese Bruchstelle hinaus, dann kriege ich eher einen sauberen Übergang in die Mittellage zur Kopfstimme hin. Jeder Bereich in unserem Tonumfang muss also tatsächlich auch individuell körperlich vorbereitet werden.

Fazit:

Ich glaube schon, dass man seiner Stimme zu viel Aufmerksamkeit schenken kann und dass das auch schaden kann. Doch wiederum ist es wichtig, seinen Körper und seine Stimme immer wieder auch bewusst zu beobachten. Mit dem notwenigen Selbstvertrauen in die eigene Stimme, was durch Gesangsunterricht oder zum Beispiel eine Tonumfang-Liste, aufgebaut werden kann, lässt sich Unsicherheit abbauen. Außerdem finde ich wichtig, sich zu erlauben, auch mal nicht perfekt zu sein und an schlechten Tagen nicht zu viel von sich zu fordern. Ich hoffe, ich konnte mit meiner Meinung ein wenig helfen. Hast du auch noch eine Meinung zu dem Thema oder ging es dir wie Katja? Dann schreib gern einen Kommentar. Vielen Dank, dass du auf musifiziert.de vorbei geschaut hast. Bis bald.

3 Responses to “Kann man seiner Stimme zu viel Aufmerksamkeit schenken?

  • Hallo Sabine, danke Dass du Dir die Zeit genommen hast, meine Frage zu beantworten. Es war sehr interessant für mich zu lesen, wie Du darüber denkst.
    Auch der Tipp mit der Liste des Tonumfangs ist sehr gut. Ich bin zwar glaube ich charakterlich nicht dazu in der Lage, so eine Liste konsequent zu führen, aber ich denke gerade über eine vereinfachte Version darüber nach, mit +/- , also dahingehend ob ich an dem Tag ein gutes Stimmgefühl habe oder nicht.
    LG Katja

  • Hi Sabine und Katja, ihr schneidet da ein spannendes Thema an, über das noch gar nicht so oft gesprochen wird. Als Stimmtrainerin begegnet mir das aber auch öfter, also bist du, Katja, damit gar nicht allein. Deine Lehrerin hat eher zu deiner Verunsicherung beigetragen als dich unterstützt. Das macht mich immer traurig. Ich habe diese Dinge auch in meiner Gesangsausbildung erlebt. Dass sie dann über Pop noch despektierlich redet, zeigt eher Unwissenheit als Fachkompetenz. Wenn drin Lehrer dir erzählt, dass alles ganz gefährlich ist, und Zwangspause verordnet…Puh, also da kann man schon in eine Paranoia rutschen. Kenn ich auch. Dann nimmst du alles viel stärker wahr. Hörst zu viel hinein. Sorgst dich. Weißt du, was dann mit deiner Atmung passiert? Du bist ständig in seelischen Stress. Deine Atmung reagiert. Und verstärkt dadurch aber den Stress. Und dann hält sich das Muster am Laufen. Sabine beschreibt schön, wie sie auch mal fünfe Grade sein lässt mit ihrer Stimme. Den Singumfang anpasst. Genau. Stress raus. Sich Fehler erlauben. Davon verliert man nicht gleich die Stimme. Wo ich allerdings aus meiner Erfahrung widersprechen muss ist, dass wir grundsätzlich eher richtig atmen. Stellt sich erstens die Frage, was „richtig“ ist. Zweitens reagiert die Atmung auf Stress und wenn wir dann nicht bewusst steuern gelernt haben, dann wirds unsportlich. Es lohnt sich also, ein entstresstes Atmen zu lernen. Hat wunderbar entspannende Wirkung auf Stimme und uns selbst. Und verhindert, dass wir uns versingen, eben weil wirs besonders richtig machen wollen. Das Vertrauen in Körper und Stimme wird so wieder aufgebaut. Wir lernen zugleich, uns liebevoll um uns zu kümmern statt Leistung erbringen zu wollen. Und dann macht die Stimme auf. Soweit mein input dazu. War schön zu lesen! Danke euch. Lg aus Nürnberg! Antje

    • Hallo Antje, vielen Dank für Deinen Kommentar. Super, dass Du das Thema Atmung ansprichst. Ich fühl mich in dem Punkt oft hin und her gerissen, da es Situationen gibt, in denen der Atem auch unbewusst ganz „richtig“ strömt. Die Kontrolle darüber ist natürlich wichtig, gerade beim Singen, da gebe ich Dir recht. Und dass Stress unseren Atem beeinflusst, konnte ich selbst auch schon oft beobachten. Daher finde ich es gut, dass Du darauf hinweist, und will an der Stelle auf Deine neue Podcastfolge zu dem Thema verweisen. Sehr informativ – kann ich nur empfehlen! 🙂 LG, Sabine

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