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Wenn dich Selbstvermarktung quält

Wer als unabhängiger Musiker und Künstler erfolgreich sein möchte, der kommt nicht umhin, sich selbst ausreichend zu vermarkten. „Vermarkten“ – allein das Wort klingt für künstlerisch Aktive oft nach Anbiedern. Es kann jedoch auch Spaß machen, sich selbst zu vermarkten! Allerdings nur, wenn auch die persönliche Einstellung dazu stimmt und man einen Sinn darin sieht. Genau das musste ich selbst erst begreifen. In diesem Beitrag möchte ich also zunächst analysieren, warum Selbstvermarktung quälen kann, und die psychologische Seite dazu ergründen. Mit dieser Erkenntnis lässt sich anschließend ableiten, was man tun kann, damit eine Qual zukünftig erspart bleibt und wie diese Aufgabe sogar Freude bereiten kann.

Ich will aber gar nicht erfolgreich sein!

Jeder möchte einen Sinn und Erfolg in dem sehen, was er tut. (Außer er wird dazu gezwungen und handelt passiv aggressiv.) Klären wir also lieber mal die Definition von „erfolgreich“. Gemeint ist damit nämlich für jede Person etwas anderes. Denn jeder hat eine andere Vorstellung von Erfolg. Und nur darum geht es hier, um deine Vorstellung von Erfolg. Es geht nicht um die Erwartungen deiner Eltern, Freunde oder Kollegen etc.! Es bedeutet schlichtweg, dass du mit den Resultaten deiner Arbeit zufrieden bist und es schaffst, so viele Menschen darauf aufmerksam zu machen, um die Anerkennung, Sichtbarkeit oder die finanziellen Erträge zu erhalten, die du dir wünschst. Manche Künstler sind bereits mit ein paar Likes zufrieden, manche streben Reichtum, Ruhm und Charterfolge an, einige machen Musik oder Kunst nur für sich und sind damit glücklich. Andere wünschen sich irgendwas dazwischen. Setz dir also ein realistisches (ggf. messbares) Ziel, was du gern erreichen willst, damit du später weißt, dass du erfolgreich bist, wenn du das Ziel erreicht hast. – Woher solltest du ohne Ziel sonst überhaupt wissen, ob du bereits erfolgreich bist?

Was will ich wirklich?

Erträume dir deine Vision von Erfolg und spüre in dich hinein, wie es sich wohl anfühlt, wenn du es erreicht hast. Wenn du etwas tust, nur weil du es damit einer Person oder Gruppe recht machen willst oder weil du ihnen etwas beweisen willst, wird sich deine Begeisterung für die Sache vermutlich nur begrenzt lange halten. (- Außer genau das ist deine Motivationsquelle.) Deshalb hör wirklich ehrlich in dich hinein, was dir wichtig ist. Welche Musik willst du machen? Welche Bedeutung hat diese Musik für dich? Dieser Punkt ist ein entscheidender! Denn nur, wenn du selbst hundertprozentig überzeugt von deiner Musik bist, vom Projekt oder von der Botschaft, die du damit nach außen vertrittst, nur dann wird es sich gut anfühlen. Nur dann kann auch ein Ansatz von Spaß am Selbstvermarkten überhaupt entstehen.

Wenn du dich dafür schämst…

Stehst du nicht zu hundert Prozent hinter deinem Projekt, deiner Musik oder deinen Texten, wird es vielleicht noch eine Zeit lang erträglich sein. Früher oder später siegt dein wahres Bauchgefühl aber doch. Und dann entsteht Scham. Du schämst dich für diese Dinge und wirst dich automatisch davon distanzieren. Vielleicht anfangs nur unbewusst und nur innerlich durch ein Gefühl von Unsicherheit. Später wird diese Unsicherheit jedoch stärker, bis du irgendwann gar nicht mehr auf das Projekt/Produkt aufmerksam machen willst, weil du dich damit nicht (mehr) identifizierst. Es ist ein Kreislauf. Darum ist es auch nicht unbedingt schlau, einen Ballermann-Hit aufzunehmen, wenn man sich als Künstler nicht mit der Rolle des Ballermann-Schlagersängers identifizieren kann.

Finde zu deinem wahren kreativen Selbst…

Klar, für den Moment kannst du dich beweisen und eine andere Facette zeigen. Toll, Ballermann-Schlagermusik hast du also auch drauf! Kannst du dir jedoch vorstellen, bei einem „unerwarteten“ Charterfolg, den Rest deines Lebens damit in Verbindung gebracht zu werden, wenn du eigentlich tiefgründige Texte und ernsthafte Musik machen willst? Bitte versteh mich nicht falsch, ich möchte mich hier nicht gegen diese oder eine andere Musikrichtung aussprechen. Es ist lediglich ein Beispiel. Es könnte auch genau andersherum sein. Wichtig ist, dass du zu deinem wahren kreativen Selbst findest und dazu stehen kannst, egal was passiert. Dem Kern sozusagen, deinen Wurzeln oder wie du es auch nennen magst. Was macht dich wahrlich stolz? – Mache genau diese Musik! Das bist du! Die musst du nicht verstecken. Du wirst es kaum erwarten können, diese endlich präsentieren zu können. Damit hast du bereits einen wichtigen Grundstein für deine erfolgreiche Selbstvermarktung gelegt.

Aus welcher Motivation machst du überhaupt Musik?

Ein Punkt, der mir selbst die Augen geöffnet hat, ist die Frage nach der eigenen Motivation. Warum hat man überhaupt diesen künstlerischen Weg eingeschlagen und was erhofft man sich davon? Was treibt dich an? Nicht alle Künstler sind automatisch süchtig nach Öffentlichkeit und extrovertierter Selbstdarstellung. Es gibt auch viele andere Gründe für die persönliche Motivation, Musiker zu sein. Bei mir ist es neben dem Bedürfnis nach Freiheit und Selbstentfaltung besonders die Bedeutung, die mir wichtig ist. Ich möchte etwas (künstlerisch) Gehaltvolles tun und in meiner Arbeit sehen, Botschaften aussenden und dass andere empfindsame Menschen sich daran erfreuen und sich verbunden fühlen können. Ich will nicht bloß zur Unterhaltung und Belustigung auf der Bühne stehen, sondern etwas Tiefgründiges bewirken. Selbst wenn es nur ein heilsamer Prozess ist, der erst einmal nur in mir selbst angestoßen wird. Sicher, ich habe mich auch schon zur reinen Belustigung vor Publikum gestellt. Langfristig fühlt sich das für mich aber nicht gut an. Das bin ich nicht! Aber diese Erfahrung muss man vermutlich auch erst machen, damit man aus sich selbst schlau wird. Doch es gibt ja auch noch andere Gründe, die für die Motivation des künstlerischen Strebens relevant sein können.

Aus „falscher“ Motivation heraus…

Als Gegenbeispiel gibt es auch Menschen, die nur Musiker geworden sind, weil alle in der Familie Musiker sind und sie aus Liebe und reinem Harmoniestreben deshalb ebenso diese Richtung eingeschlagen haben. Langfristig wird sich innerlich jedoch möglicherweise ein Konflikt entwickeln. Anderes Beispiel: Als Mensch mit einem hohen Bedürfnis nach Macht, also dem selbstständigen Entscheiden in künstlerischen Belangen, wird man sich langfristig nicht in einem Ensemble wohlfühlen, wo einem haarklein diktiert wird, wie man künstlerisch agieren muss. Der Antrieb wird in diesem Fall sein, etwas nach eigenen Vorstellungen umsetzen zu wollen, ohne Vorgaben. Es gibt auch Menschen, die ein Projekt nur anfangen und mit Begeisterung dabei sind, um es allen beweisen zu können, um als Sieger hervorzugehen und mit anderen im Wettkampf zu stehen. Diese Menschen brauchen die Konkurrenz, weil ihnen der Wettstreit Antrieb gibt. Finde also zunächst deine persönliche Motivationsquelle für dein künstlerisches Handeln und du kannst sie bewusst für dich einsetzen.

Aber ich kann nicht für mich selber werben!

Ich weiß, wir Künstler denken so etwas manchmal. Stell dir nun aber einmal vor, du hättest ein Kind, auf das du sehr stolz bist. (Hast du ja vielleicht sogar.) Du möchtest es unbedingt unterstützen und findest seine Musik grandios. Du würdest vermutlich alle Register ziehen, damit jeder in deinem Umkreis davon erfährt. Also die Fähigkeiten, Menschen auf etwas aufmerksam zu machen, sind bereits in dir! – Du musst nur überzeugt von der Sache an sich sein. Diese Erkenntnis ist eine weitere wichtige Zutat. Du weißt theoretisch, was man tun muss, um zu vermarkten bzw. andere zu begeistern. Und du weißt auch, wo man sich theoretisch informiert, falls man auf dem Gebiet noch Nachholbedarf hat. Es soll in diesem Beitrag mal nicht darum gehen, wie Selbstmarketing geht. Sondern es geht um die Einstellung dazu! Falls du dir trotzdem noch ein paar Tipps dazu durchlesen möchtest, schau doch mal unter der Kategorie „Selbstvermarktung“.

Dein Schutzschild – Nimm eine andere Rolle ein!

Vielleicht fühlt sich das Werben für sich selbst als Künstler nicht gut an, weil es nicht die Kernaufgabe des Schaffens ist. Als Manager oder Unternehmer ist das etwas anders. – Also: umdenken! Mir hat es früher schon geholfen, wenn ich auf der Bühne die Künstlerin „Binegra“ war, privat Bine und geschäftlich Sabine oder Frau Graichen. So konnte ich es gut trennen. So wie andere auf Arbeit gehen und sich eine Uniform anziehen, so habe ich diese Namen als meine Uniformen verwendet. – Und tue das immer noch sehr oft.

Deine Persönlichkeit in 3 Rollen!

Bestätigung dieser imaginären Rollenaufteilung fand ich im Buch „Anbieten ohne Anbiedern – Selbstmarketing für Kreative“ ein psychologischer Ratgeber von Alina Gause*. Sie hat das „Konzept der drei Persönlichkeitsanteile Kreativer“ entwickelt und beschreibt in ihrem Buch ausführlich die Aufteilung der Persönlichkeit in diese Rollen: „Person 1 = Privatperson“, „Person 2 = Kreativ-Ich“ und „Person 3 = Manager-Ich oder Business-Ich“. Alle 3 Persönlichkeitsanteile/Rollen haben teilweise andere Eigenschaften, manche davon überschneiden sich. Der Künstler kreiert und steht auf der Bühne, ist also kreativ und schaffend. Die Privatperson agiert nur privat, verhält sich vielleicht ganz anders als die dritte Person. Vielleicht fordert die Privatperson nie etwas ein und ist sehr harmonieliebend. Die dritte Person jedoch mag stattdessen tough sein, sich freundlich und bestimmt durchsetzen, sich bei Problemen auch mal kämpferisch zeigen. Diese 3 Anteile bzw. Rollen helfen dabei, sich abzugrenzen und weniger verletzlich zu fühlen.

Entwickle deine ideale Manager-Rolle!

Um für dich und dein Projekt einzustehen und zu werben, tut der Abstand zum Künstler-Ich und zum Privaten also ganz gut. Du kannst dir auch vorstellen, du tust es für dein (inneres) Kind. Du trittst für seinen Erfolg ein und tust es aus Überzeugung und weil du stolz auf „seine“ Musik bist. Welche Eigenschaften müsste diese Business-Rolle haben? Was trägt diese Manager-Person für Kleidung? Wie sollten ihre Fähigkeiten sein?

Mach dich bereit für deine Rolle!

Kleide dich für diese Rolle und spiele diese Rolle, bis sie in dir aufgeht. (Dazu brauchst du kein Publikum.) Es wird dir helfen, dich in ihr stark und kompetent für die Aufgaben beim Vermarkten zu fühlen. Durch diese Rolle grenzt du dich zu den beiden anderen Persönlichkeitsanteilen ab und bleibst so „geschützt“. Wenn diese Rolle also mal Fehler macht, muss das nicht dein Privatleben oder Deine Künstlerpersönlichkeit erschüttern. Das Handeln in dieser Rolle fühlt sich vielleicht tatsächlich mehr nach einem Spiel an und ermöglicht dir so ein leichteres Arbeiten in Bereichen, die dich sonst vielleicht leichter ermüden.

Fazit

Mit der richtigen Einstellung kann sogar Selbstvermarktung gelingen und Freude bereiten. Viele der Erkenntnisse in diesem Beitrag habe ich wie bereits erwähnt aus dem Buch „Anbieten ohne Anbiedern – Selbstmarketing für Kreative“ ein psychologischer Ratgeber von Alina Gause*. Dazu gibt es also eine klare Leseempfehlung von meiner Seite. Die Autorin geht auf die einzelnen Themen natürlich noch etwas genauer ein. Mir hat es jedenfalls sehr geholfen, über die psychologische Seite zu entdecken, warum ich tue, was ich tue. Bei jedem Post im Social Media, jedem Newsletter oder Blogbeitrag frage ich mich nun ehrlicher, ob ich zu hundert Prozent dahinter stehen kann oder ob ich jetzt nur schnell etwas posten will, damit ich mal wieder etwas poste. Das hilft mir am Ende meinen Content zu überdenken und sorgt dafür, dass ich mich nicht aus Scham vor Reaktionen zurückhalte, es zu veröffentlichen. Es hat mir also geholfen, meine Einstellung zur Selbstvermarktung zu verbessern.

2 Gedanken zu „Wenn dich Selbstvermarktung quält“

  1. Liebe Sabine, Du sprichst mir aus dem Herzen und ich find mich in vielem wieder was Du schreibst.
    Danke für Deine Gedanken und die Buch-Empfehlungen!
    Herzliche Grüße
    Clara

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