Wie überlebt man als KünstlerIn?

Ich werde öfter mal von Freunden gefragt, wie ich so über die Runden komme. Früher, wenn ich erzählt habe, dass ich Musikerin bin, war die Frage noch: „Und kann man davon leben?“. Mittlerweile ist das schwer geworden. Meine Branche hat Berufsverbot. Geplante Auftritte sind entfallen, die Auftragslage für die Zukunft ist unsicher. Nachdem ich jetzt nach fast einem Jahr Coronapandemie jedoch immer noch keine Grundsicherung (das hieß früher mal Hartz4) beantragt habe und seit dieser Zeit auch ohne meinen „damaligen“ Nebenjob im Theater zurechtkommen muss, möchte ich mal ein wenig reflektieren und analysieren, wie ich es eigentlich geschafft habe, als Künstlerin trotzdem zu überleben. Seit meinem letzten Blogbeitrag ist fast ein Jahr vergangen und es ist viel passiert. Es folgt ein kleiner Erfahrungsbericht mit mehr oder weniger ernst gemeinten Ratschlägen einer Überlebenden aus dem Kulturbereich.

Unter welchen Bedingungen habe ich überlebt?

Damit du überhaupt einschätzen kannst, wie meine persönlichen Voraussetzungen sind, hier noch ein paar Infos: ich bin freiberuflich selbstständig als Musikerin seit 2014, lebe alleine ohne Mitbewohner, habe keine Kinder, keine Haustiere und besitze kein Auto. Ich wohne in einer Mietwohnung und habe neben den üblichen Monatskosten wie Miete, Strom und Betriebskosten, Verpflegung und Versicherungen zusätzlich als Künstlerin die Kosten für Künstlersozialkasse, zahle einen Zusatztarif bei der Krankenkasse, sowie meine betrieblichen Ausgaben wie beispielsweise Kosten für Homepages, Gesangscoachings, GEMA-Beitrag und Equipment. Außerdem lebe ich in einer relativ günstigen Gegend in Deutschland, wo man die Mietpreise noch zahlen kann. Dennoch bin ich hier eine der wenigen KünstlerInnen, die hauptberuflich selbstständig ist – zumindest ohne Angestelltenverhältnis / Nebenjob und bisher auch ohne Partner/Familie als finanziellen Rückhalt. Ach ja… geerbt und im Lotto gewonnen hab ich auch noch nie. Also wie geht das?

Tabelle über Einnahmen und Ausgaben

Zunächst etwas Fundamentales. Seit 2008 führe ich sehr genau eine Finanz-Tabelle über meine Einnahmen und Ausgaben, die jeden Bereich genau aufgeschlüsselt. Damit gleiche ich meine Kontoauszüge ab und trage jede Einnahme und Ausgabe in eine Zelle ein. So habe ich über die Jahre ein ziemlich gutes Gespür für meine Finanzen entwickelt und weiß genau, wie viel ich zum Leben brauch. Über Barzahlungen führe ich ein zusätzliches Haushaltsheft. Und nur so kann ich auch genau berechnen, wie lange ich mit meinem Geld über die Runden komme und wie viel ich verdienen muss, damit ich leben kann. Das ist essenziell! Eine Blanko-Tabelle stelle ich dir HIER zur Verfügung, die du dir je nach Belieben anpassen kannst.

„Ich garantiere dir, dass sich dein Kontostand mit dem Bewusstsein über deine Finanzen und dein Sparen über die Jahre verbessern wird, wenn du fortlaufend darüber Tabelle führst.“

Ausgaben senken

Ich bin außerdem sehr sparsam. Wie ich schon mal erwähnt hatte, habe ich meine Verträge nach und nach optimiert. Das kleinste Paket, der billigste Tarif, der günstigste Anbieter bei Internet, Handy, Strom und Versicherungen etc. So weit, wie es möglich und sinnvoll ist. Das kann man immer mal überprüfen und mit neuen Angeboten vergleichen. Einen extra Proberaum habe ich nicht mehr. Shoppen gehe ich ohnehin nicht gern, Klamotten brauch ich nur selten… wozu auch, wenn man kaum noch unter Menschen ist? Freizeitaktivitäten sind ja auch nicht mehr verfügbar. Ob ich meinen Kinogutschein wohl je wieder einlösen kann? Der Luxus, den ich mir hin und wieder trotzdem mal leiste, ist: bei meinem Lieblingsrestaurant zu bestellen. Damit unterstütze ich jetzt sogar die Gastronomie. Wer hätte das mal gedacht…

Fasten

Fasten? Ja, richtig gelesen! Ich hatte es schon in meinem letzten Beitrag Anfang der Krise in Betracht gezogen. Doch das soll bitteschön kein ernst gemeinter Rat an andere sein. Dennoch habe ich schon von einem anderen Künstler gehört, der in finanziell schlechten Zeiten gefastet hat. Und ich bin selbst jemand, der zumindest Intervallfasten für sich in Erwägung gezogen hat, allerdings nicht wegen des Sparens. Wenn man kaum unterwegs ist, braucht man ja weniger Energie und somit weniger Essen. Ich verzichte also teilweise auf Mahlzeiten und muss somit eben weniger einkaufen. Wie gesagt, ich möchte es nicht unbedingt empfehlen, sondern einfach aufzählen, weil es zu meinem Alltag dazugehört. Ich fühle mich sehr gut damit, ab Mittag meine erste Mahlzeit zu mir zu nehmen und bin so vorher meist richtig produktiv. Für mich funktioniert das gut und ich kann auch problemlos mein Gewicht damit halten. Trotzdem muss so etwas jeder für sich selbst einschätzen und sich vielleicht sogar vorher mal beim Arzt beraten lassen oder sich wenigsten informieren. Denn das ist sicher nicht für jeden geeignet, besonders wenn man Medikamente nehmen muss.

Förderungen nutzen

Dieser Punkt ist tatsächlich erst seit Corona für mich bewusst in Erscheinung getreten. Ich habe zwar schon früher mal über die Möglichkeiten gelesen, sich im Kunst- und Kulturbereich fördern zu lassen, es aber nie wirklich in Erwägung gezogen. Nun gab es für freischaffende Künstler in Sachsen-Anhalt aber eine Förderung. Ein projektbezogenes Kulturstipendium. Das habe ich zur Finanzierung meiner Albumproduktion genutzt, die ich sonst 2020 nicht hätte umsetzen können. Die Kulturförderung „Kultur ans Netz“ soll übrigens 2021 erneut für freischaffende KünstlerInnen aus Sachsen-Anhalt beantragbar sein.

Einnahmemöglichkeiten ausweiten und vertiefen

Natürlich braucht man trotz aller Sparmöglichkeiten auch Einnahmen. Die Miete sowie alle anderen Rechnungen müssen ja trotzdem bezahlt werden. In einer Branche mit Berufsverbot nicht leicht und doch bedingt möglich. Ich selbst bin kein Fan von Streamingkonzerten, habe aber bei anderen Künstlern beobachtet, dass es funktionieren kann, wenn man fleißig in sozialen Netzwerken aktiv ist und einen bezahlten Ticketverkauf nutzt (oder wenigstens einen Spendenbutton integriert), statt die Welt daran zu gewöhnen, dass Kultur / Musik kostenlos ist. Kostenlos zu arbeiten ist ja sowieso eine verbreitete Mentalität bei vielen Künstlern, die noch davon träumen, irgendwann mal „von der Musik leben“ zu können. Ich kann es mir leider nicht leisten, ohne Vergütung zu arbeiten. In anderen Berufen macht sowas niemand, oder? Ich habe mal gelernt, dass kostenfreie Dienste oder Produkte ihre Wertigkeit verlieren, weils ja „umsonst“ war… Was denkst du darüber?

Arbeiten über das Internet

Stattdessen konzentriere ich mich aktuell mehr auf den Studiobereich. Glücklicherweise hatte ich mir bereits vor Corona ein Homestudio eingerichtet (und kann auch damit umgehen). Ich habe so bereits mein zweites Album selbst produziert, in der Coronazeit ein Hörspiel aufgenommen und vereinzelte Song- & Videoproduktionen für andere umgesetzt. Als Studiosängerin- & Sprecherin arbeite ich aber auch schon länger über das Internet mit unterschiedlichen Auftraggebern zusammen. Das funktioniert ganz gut. Natürlich dauert es eine Weile, bis man erste Anfragen bekommt und sich einen Kundenstamm aufbauen kann. Und manche Aufträge sind eben auch einmalige Geschichten. Aber ich bin fleißig dabei und bisher sind alle meine Kunden sehr zufrieden gewesen. Auch auf Auftragskompositionen hab ich mittlerweile große Lust.

Digitaler Musikunterricht

Anfang der Pandemie habe ich mir so eine transparente Spuckschutzwand gekauft, um unter den geforderten Hygienemaßnahmen trotzdem Gesangscoachings und Gitarrenunterricht als Präsenzunterricht abhalten zu können. Momentan treffe ich meine Schüler jedoch nicht persönlich, sondern über Skype per Videochat. Bei bestehenden Schülern geht das ganz gut. Man muss sich zwar etwas umstellen, weil gemeinsames Singen wegen der Latenz nicht möglich ist und Videochats sind echt anstrengender als Präsenzunterricht, aber es ist eine gute Alternative.

Nach Corona

Diesen Beitrag habe ich zwar während der Coronazeit im zweiten Lockdown geschrieben, ich denke aber, dass auch nach dieser Zeit die meisten o. g. Punkte dazu beitragen können, als KünstlerIn zu überleben. Wenn wieder Normalität möglich ist und man auch Konzerte mit mehr als 20 Besuchern und Abstand geben kann, dann kann aus dem reinen „Überleben“ sicher auch wieder ein richtiges Leben werden, wo man nicht auf jeden Cent achten muss. Umschulen in andere Berufe möchte ich jedenfalls noch nicht. Meine Hoffnung auf Normalität habe ich noch nicht aufgegeben. Außerdem habe ich zum Beispiel auch große Lust, die nächste Songwriter-Night zu planen und mit anderen Musikern zu jammen. Bis dahin versuche ich kreativ und weniger depressiv zu bleiben und das Beste aus der Situation zu machen. Ich halte dich auf dem Laufenden, wie das bei mir so läuft. Wie kommst du in der Coronazeit über die Runden? Hast du Hilfen beantragt oder einen besseren Weg gefunden, um unabhängig zu bleiben oder kennst du noch andere Überlebenstricks? Schreib gern einen Kommentar. Bis bald auf musifiziert.de.

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