Der erste Take bei Gesangsaufnahmen

Du hast einen neuen Song geschrieben und bist nun drauf und dran, diesen aufzunehmen oder zu produzieren. Vielleicht ist es Dir dann auch schon mal passiert, dass der erste Take, also der erste Versuch, den Gesang aufzunehmen, einer Deiner besten Aufnahmeversuche geworden ist. Mir ging es jedenfalls schon so, und da man auch immer wieder bei anderen Künstlern von diesem Phänomen hört, beschäftige ich mich heute mal mit diesem Thema.

Alles kann, nichts muss.

Ob es an der inneren Einstellung liegt, wenn der erste Take nicht mehr zu toppen ist? Ich denke schon. Zumindest habe ich schon oft beobachtet, dass ich beim Singen wesentlich entspannter bin, wenn es „um nichts geht“. Zum Beispiel, wenn ich eine einfache Demoaufnahme mache, um mir skizzenhaft die Gesangsmelodie zu merken. Oder, wenn ich sogar noch ganz unsicher bin, was die Melodie betrifft. Dann probiere ich gern auch stimmlich Neues aus. Bei Demoaufnahmen stehe ich nicht unter dem Druck, etwas leisten zu müssen. Denn zum geplanten Aufnahmetermin mache ich mir hingegen schon selber den Druck, weil ich besonders gut singen will. Gerade beim Zusammenarbeiten mit dem Produzenten ist ja auch irgendwo eine gewisse Erwartungshaltung vorhanden, die man natürlich gern erfüllen oder gar übertreffen möchte. Wenn aber noch gar keine Erwartung da ist, passieren tolle Dinge, mit Leichtigkeit. Dann ist es schön, wenn man diese Ergebnisse festgehalten hat.

Geht es schon los?

Manchmal ist man als Sänger oder Sängerin aber noch beim Probieren oder beim Warmsingen, während der Techniker / Produzent mit den technischen Einstellungen beschäftigt ist. Und man singt und probiert so vor sich hin. Ganz clevere Produzenten lassen dann auch schon mal die Aufnahme mitlaufen. Sei es auch nur zum Testen. Jedoch kann es passieren, dass genau dabei zufällig einer der besten Takes entsteht. Aber was heißt hier überhaupt „Beste“?

Was macht einen guten Take zum Besten?

Natürlich wird bei Gesangsaufnahmen nach vielen Kriterien geschaut. Stimmt das Timing? Wurden die Töne getroffen? Ist die Aussprache verständlich? Sind wichtigen Wortendungen deutlich zu hören? Ist die Tonlage passend? Sind Nebengeräusche auf der Aufnahme zu hören? Sind Atmer bei Dopplungen an denselben Stellen? Stimmt der Text? Sitzt die Stimme? Passt die eigene Energie? In welchem Stimmmodus bzw. Stimmregister sollte der Song gesungen werden? Und so weiter. Zugegeben, man kann sich wirklich viele Gedanken beim Aufnehmen machen. Am Ende ist aber entscheidend, ob man das richtige Gefühl in den Song gelegt hat. Meint man auch das, was man singt? Oder klingt es eher wie eine monotone Durchsage am Bahnhof?

Gefühl kann man nicht nachträglich einbauen.

Was man bei der Tonhöhenkorrektur oder bei der Timingkorrektur noch gerade gebogen bekommt, kann man beim Gefühl eben nicht erst später rein basteln. Besonders am Anfang, wenn ein Song neu ist und man sich damit das erste Mal beschäftigt. Wenn man den Song quasi interpretiert und sich frisch darauf einlässt, sind die Bilder im Kopf noch besonders lebendig und farbenfroh. Und damit legt man beim Singen auch ein besonders kraftvolles Gefühl in den Song, was wahrhaftiger klingt, als die oftmals später aufgenommenen Gesangsspuren. Viele professionelle SängerInnen arbeiten aus diesem Grund auch mit sogenannten Untertexten (Notizen/Bilder zu Textstellen), um sich ihre persönlichen Bilder im Kopf an den entsprechenden Textstellen im Song zu bewahren und auch später wieder abrufen zu können.

Der eigenen Stimme treu bleiben

Ein Problem, was ich bei meinen eigenen Aufnahmen beobachtet habe, ist, wenn die ersten Demoaufnahmen schon ziemlich gut geworden sind und man vor lauter Ehrgeiz später noch „richtige“ Takes aufnehmen will, weil man denkt, dass es irgendwie noch besser oder anders geht. Doch vermutlich ist es schon „am Besten“, wenn es auch authentisch klingt und man sich nicht in Nummern zwängt, die einem nicht passen. Man sollte den Song auf seine eigene Art singen, ohne dabei in „zu große Rollen schlüpfen“ zu wollen. Was ich damit meine? Stell Dir vor, Du hast eine Stimme wie ein Junge aus dem Knabenchor und willst aber jetzt klingen wie Steven Tyler. Dann hast Du vermutlich einen langen Weg vor Dir. Und es könnte etwas entmutigend sein, wenn Du gleich sofort und mit aller Macht versuchst, das in der aktuellen Aufnahme zu erreichen, ohne dafür richtig geübt zu haben. Man sollte eventuell überdenken, ob die eigene Stimme auch zu den eigenen Vorstellungen zum Song passt und ggf. den Kurs korrigieren.

Auch bekannte Künstler nutzen first Takes.

Ein gutes und aktuelles Beispiel für einen Künstler, der für mindestens einen seiner Songs den ersten Take verwendet hat, ist Clueso. In verschiedenen Interviews (LINK) zu seinem neuen Album „Neuanfang“ hat er beschrieben, wie er die Vocals zu seinem Song aufgenommen hat. Er war zu dem Zeitpunkt selber so bewegt von der ganzen Situation mit seiner Band, dass er die Zeilen „Was soll ich tun?“ im Song „Neuanfang“ so überzeugend eingesungen hat, dass sein Produzent sowie sein Musikerkollege ihm ausreden mussten, diesen Take noch einmal neu und „schön“ aufzunehmen. Es muss nicht immer „schön“ klingen, sondern darf auch ruhig „kantig“ klingen. Solange es echt rüber kommt. Und das funktioniert am Besten, wenn man es in dem Moment wirklich so meint, wenn man es singt.

Wahrheit oder Mythos?

Was denkst Du? Hat der erste Take die Macht, einer der Besten zu werden. Oder sollte man gut eingesungen und auf diesen Song vorbereitet sein und ausreichend geübt haben, wenn man gute Gesangsaufnahmen haben möchte? Welche Erfahrungen hast Du damit gemacht? Hat es Dein erster Take in einen fertigen Song geschafft? Lass Deine Erfahrung gern in Form eines Kommentars da. Ich freue mich, dass Du wieder auf musifiziert.de vorbeigeschaut hast. Bis bald.

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