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Meine 10 Vorlieben bei Gesangsaufnahmen

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Meine ersten Gesangsaufnahmen im Homerecording entstanden 2002, wenn man die Aufnahmen am Kassettenrekorder in der Kindheit und Jugend nicht mitzählt. Über Jahrzehnte habe ich dann bei Vocalrecordings in verschiedenen Musikprojekten experimentiert und so bis heute nach und nach einen Weg für mich gefunden, wie ich als Studiosängerin optimal arbeiten kann. Daraus haben sich meine ganz persönlichen Vorlieben bei Gesangsaufnahmen entwickelt, die mir stets helfen, das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Die 10 wichtigsten möchte ich dir in diesem Beitrag vorstellen.

1. Kopfhörer nur einseitig tragen

Früher habe ich das noch nicht gemacht, heute trage ich meine Kopfhörer beim Aufnehmen oft nur einseitig. Also ein Ohr bleibt frei. Damit habe ich auf der einen Seite die Musik mit Rhythmus- und Harmonievorgaben und andererseits höre ich meine Stimme direkt über den Raumklang. Ohne Hall, ohne Latenz, ganz pur. Gut, Latenzprobleme habe ich auch bei meinem Rechner nicht mehr und den Hall kann man auch ausschalten. Jedoch hilft mir der direkte Klang meiner Stimme über den Raum, die Töne präzise zu treffen, da ich auch ohne Kopfhörer Gesangsübungen mache und mein Gehör sich sehr an diesen Klang meiner Stimme gewöhnt hat. Ist also förderlich für eine gute Intonation!

2. Aufnahmen im Sitzen bei entspannten Lagen

Früher habe ich alle Aufnahmen im Stehen gemacht. Jedoch habe ich über die Jahre das Sitzen für bestimmte Aufnahmen für mich entdeckt. Denn man ist sehr entspannt in der inneren Einstellung, hat es nicht so eilig und bei einem längeren Aufnahmetag tun nicht irgendwann die Beine weh. Viel mehr singe ich aber deswegen gern im Sitzen ein, weil es auch zu einem lässigeren Gefühl in der Stimme führt, was besonders für die ruhigen Songs und entspannten (tieferen) Stimmlagen geeignet ist. Zudem habe ich teilweise sogar das Gefühl, dass das Stützen somit sehr einfach wird und der Atem automatisch sehr harmonisch fließt.

3. Im Stehen singen für mehr Energie

Gesangsaufnahmen im Stehen bringen hingegen die nötige Energie, wenn es um powervolle oder höhere Lagen geht. Da der ganze Körper mit agiert und man im Rhythmus mit schwingt und beide Füße fest auf dem Boden stehen, ist das wie Singen mit Anlauf und bringt mich zu Leistungen, die mir im Sitzen vielleicht nicht möglich sind. Aufpassen muss ich nur, dass ich nicht übermotiviert bin und „drüber singe“, also über das Ziel hinaus schieße. Passiert aber eher selten, außer ich habe ausnahmsweise zu viel Kaffee intus.

4. Phrasen im Loop aufnehmen

Zunächst nehme ich den Song in ein bis zwei Spuren komplett am Stück gesungen auf, um mich etwas allgemeiner auf den Song einzustellen und auch um eine Guidespur zu haben. Damit kann ich im Projekt Marker setzen für Strophen, Refrain etc. und so den Ablauf strukturieren. Dann jedoch nehme ich mir nur einzelne Phrasen vor, die ich im Loop einsinge. So bleibe ich in der entsprechenden Energie für den Part und kann mich besser auf Details konzentrieren. Also loope ich mir erst die eine Strophe und lasse den Loop mit etwas Vorlauf so lange laufen, bis ich das Gefühl habe, ich habe mindestens zwei bis drei Mal richtig gut gesungen. Dann gehe ich zur nächsten Strophe, dann wähle ich Refrain und C-Teil usw. Dabei singe ich zuerst die tieferen Lagen ein und erst zum Ende die höheren oder energiereicheren Parts. Das hilft mir, dass die Stimme nicht zwischendurch ermüdet und vielleicht für entspannte Phrasen noch gefühlvoll bleibt.

5. Alleine aufnehmen – frei von Meinungen

Früher stand ich am Mikrofon und eine zweite Person hat am Rechner die Aufnahme gestartet und gestoppt. Jedoch gab es auch ab und zu Verunsicherungen durch die andere Person. Entweder war die Person schon zufrieden, bevor ich überhaupt richtig losgelegt habe. Oder ich wurde kritisiert, aber Verbesserungen wurden nicht vorgeschlagen – oder die Person war nur körperlich anwesend, dass ich keine objektive Meinung zu einzelnen Takes bekam. Wertvoll sind Meinungen jedoch, wenn sie helfen, ein Ziel beim Einsingen zu erreichen. Bloße Kritik hilft mir überhaupt nicht weiter. Am besten könnte ein Vocalcoach, Gesangslehrer oder zumindest ein anderes Gesangstalent bei den Aufnahmen helfen und Feedback geben. Ein Nicht-Sänger kann sich nach meiner Erfahrung nur schwer verständlich artikulieren und sich nur bedingt in mich hineinversetzen und gute Anregungen geben. Also habe ich angefangen, meine Aufnahmen allein zu machen. Es ist keine Zauberei. Den Aufnahmeknopf finde ich auch. Man hat definitiv mehr Ruhe und Gelassenheit, traut sich auch noch mehr auszuprobieren (bspw. Improvisationen für Adlips) und keine (unerfahrene) Meinung verunsichert dabei. Zumal ich nun eigene Ansprüche an den Gesang habe und Details anders wahrnehme. Manchmal stört mich eine Sache und ich wiederhole dann eben so lange, bis es klappt. Dann ist niemand da, der drängelt oder auf die Uhr schaut. Ich habe mehr Ruhe, wenn ich den Gesang allein aufnehme.

6. Nur wenig Hall beim Einsingen auf die Stimme

Nicht nur, weil ich wie oben erwähnt, sehr oft ein Ohr frei habe und mich über den Raum hören will, sondern auch sonst lege ich mir beim Einsingen wenn, dann überhaupt nur minimal Hall auf die Stimme. Denn so kann ich unsaubere Stellen besser hören, vermeiden oder gleich beim Aufnehmen ausbessern. Vielleicht war ein Schmatzer mal zu laut oder ein Atmer an der falschen Stelle oder ein Ton bzw. Slide hat nicht so gesessen. Mit zu viel Hall auf der Stimme bekommt man das nicht sofort mit und dann hat man möglicherweise Gesangsmaterial im Kasten, was viel Bearbeitungsaufwand benötigt und hätte besser sein können. Klar, man will sich auch beim Singen wohlfühlen und ein wenig Hall oder Raumklang auf der Stimme tragen auch dazu bei. Jedoch wird die Intonation und Artikulation umso sauberer, je weniger Effekt man beim Singen selbst hört. Im Mix kann man die Vocals dann später immer noch effektvoll verzieren, es muss ja nicht so trocken bleiben wie beim Aufnehmen.

7. Ungestört sein – frei fühlen

Am liebsten nehme ich nicht nur allein auf, sondern auch, wenn ich ungestört bin. Das heißt, es drängelt kein Termin, das Telefon ist lautlos oder im Flugmodus, es wird nicht irgendwo in der Nähe der Rasen gemäht und die Nachbarn sind nicht zu hören oder sogar nicht im Haus. Bine allein zu Haus… Wenn ich wirklich Ruhe habe und niemand da zu sein scheint, fühle ich mich auch beim Singen freier. Ich gehöre zu den Menschen, die nicht so aus sich rauskommen, wenn sie das Gefühl haben, man beobachtet sie oder lauscht heimlich. Das ist ne reine Kopfgeschichte! Aber da sich jeder Gedanke und somit jedes Gefühl auf Körper und Stimme überträgt, hat das am Ende Auswirkungen auf die Gesangsaufnahmen. Möglicherweise klingen die dann gehemmt oder gefühllos. Fühle ich mich hingegen wirklich ungestört und ohne Publikum, dann entsteht Magie! Du kennst sicher den Spruch: „Tanze, als würde niemand zusehen. Liebe, als wurdest Du niemals verletzt. Singe, als würde niemand zuhören. Lebe als wäre der Himmel auf Erden.“ von Mark Twain. Da steckt viel Wahres drin.

8. Dynamisches Mikrofon nutzen

Meine ersten beiden Alben und auch die Songs vor Binegra habe ich immer mit einem Großmembran-Mikrofon* aufgenommen. Anfangs habe ich mich dazu noch in einen Kleiderschrank gestellt, später habe ich einen Mikrofon-Absorberschirm* und dann auch eine Mobile Mic Booth* verwendet, damit der Raumklang durch das empfindliche Mikro nicht zu sehr mit aufgenommen wird. Eine Gesangskabine ist natürlich eine bessere Lösung. Den Platz dafür hatte ich leider nie. Eine sehr gute Alternative, wie ich erst in diesem Jahr festgestellt habe, ist ein dynamisches Mikrofon zu verwenden. Sei es ein einfaches Shure SM58*, mit dem auch Björk viele Aufnahmen gemacht hat oder das allseits beliebte Shure SM7B*, was man in vielen Studios mittlerweile findet. Der Vorteil ist nicht nur, dass es den Gesang etwas vorkomprimiert und Raumhall kaum mit aufnimmt, sondern ich höre auch weniger Umgebungsgeräusche, wenn ich die Kopfhörer ganz aufsetze und singe. Da höre ich dann wirklich nur die Musik und Stimme – keine Geräusche vom Nachbarn oder so. Es ist quasi wie ein psychologischer Trick, ein bisschen so, als wäre ich tatsächlich ungestört. Ich kann also auch Aufnahmen machen, wenn ich nicht ganz allein im Haus bin. Die Nebengeräusche werden nicht mit aufgenommen wie bei einem Großmembranmikro. Ist also eine tolle Lösung, wenn der Raum nicht ganz optimal für Aufnahmen ist und man keine Gesangskabine hat. Allerdings ist ggf. ein Vorverstärker empfehlenswert.

9. Flow nutzen für Backings oder Pause machen

Wenn ich einen guten Tag habe und im Flow bin, dann singe ich gleich nach den Main-Vocals ein paar Backings ein. Das klappt nicht immer. Manchmal bin ich erst nach 2 Stunden mit der Hauptstimme zufrieden. Dann stelle ich mir eine grobe Vorauswahl der Takes zusammen, das dauert auch noch mal etwas. Und erst damit würde ich anschließend auch die Backings einsingen, um mich an der Hauptstimme zu orientieren. (Wegen Timing und Harmonien.) Es gibt aber auch Songs da hab ich einfach einen Flow und bin sehr schnell fertig. Da hänge ich die Aufnahmen für Backings gleich mit hinten dran. Das macht am Ende nicht nur ein gutes Gefühl, weil man so viel geschafft hat, man ist auch emotional noch voll im Thema und kann mögliche Ideen sofort umsetzen. Allerdings gebe ich ehrlich zu, schaffe ich das immer seltener. Oft brauche ich eine längere Pause für die Ohren und den Kopf, nachdem ich die Mainvocals fertig aufgenommen habe. Da ist dann die Luft raus. Also lege ich die weiteren Aufnahmen auf einen anderen Tag, weil ich zu lange Zeit am PC und unter Kopfhörern auch vermeiden will. Ich hatte zu oft schon das Gefühl, mein Kopf würde explodieren, weil ich zu viel wollte und zu lange hoch konzentriert gearbeitet habe. Das braucht kein Mensch! Pausen sind wichtig! – Übrigens auch stilles Wasser zwischendurch zu trinken…

10. Übungen zwischendurch bei Schwierigkeiten

Einen tollen Tipp habe ich noch zum Schluss. Bevor ich Gesangsunterricht hatte, habe ich nie irgendwelche Übungen gemacht oder mich vor den Gesangsaufnahmen aufgewärmt. Im Gegenteil, das Aufwärmen fand beim Singen direkt statt. Und die hohen Stellen wurden eben so oft wiederholt und dabei indirekt geübt, bis sie klappten. Für bestimmte Songs in sehr entspannten Lagen war es sogar kontraproduktiv, vorher schon Übungen zu machen. Mehr Gefühl und Wärme kam so in die ersten Takes. Darum geht es aber nicht. Eine Übung kann nämlich trotzdem nützlich sein und hilft mir heute immer dann, wenn ich das Gefühl habe, ich habe einen Knoten in der Zunge, verhasple mich ständig und hab Schwierigkeiten mit der Artikulation.

Also hier kurz der Tipp: (Am besten mit gewaschenen Händen!) Lege deinen Zeigefinger oder Daumen quer zwischen die Zähne. Du beißt nicht fest darauf, hältst den Finger nur sanft mit den Zähnen fest und sprichst nun mehrfach und sehr deutlich in dieser Position die Phrasen, die du nun aufnehmen willst. (Ja, auch wenn das voll albern klingt!) Mach das gut eine Minute lang und du hast in der nächsten Stunde keine Probleme mehr damit. Diese Übung eignet sich auch für deutlicheres Sprechen vor Publikum. Was sind deine Vorlieben bei Gesangsaufnahmen? Hast du dich in einem meiner Punkte wiedergefunden?

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